Dez 13, 2020

Kleine Warenkunde: Kunstfaser

Jahrzehnte lang galten Kunstfasern und vor allem Polyester als verpönter Stoff, als billige und schlechtere Variante zur Seide. Was hatten wir nicht alles dagegen zu sagen: Der Griff war nicht angenehm, das Textil klebte auf der Haut, es lud sich elektrisch auf, man schwitzte so unangenehm….und irgendwie wollte sich Frau einfach lieber mit dem Hauch von Luxus umgeben, wie ihn nun mal nur das Original, die Seide, garantieren konnte.

Diese Zeiten sind lange vorbei, versprochen!

Blusenkleid Bakla von Ana Alcazar aus 100% Viskose

Mag in der Frühproduktion der synthetischen PES-Faser noch das ein oder andere Vorurteil richtig gewesen sein, ist doch die künstliche Faser-Entwicklung heute im 21. Jahrhundert sehr weit voran geschritten, sodass man Polyester oft kaum noch von natürlichen Stoffen unterscheiden kann. Kein Wunder also, dass 75% aller Kleidungsstücke weltweit heute aus Kunstfasern hergestellt werden. Nicht zuletzt ihre ausgezeichneten Eigenschaften, mit denen viele Naturfasern nicht mithalten können, sorgen dafür, dass Kunden – vor allem auch im Sportbereich – heute vermehrt zu Kleidungsstücken aus chemisch hergestellten Stofffasern greifen.

Vorteile von Kunstfasern auf einen Blick

► Äußerst formstabil, leicht & zeigt einen nur geringen Verschleiß auch bei häufigem Tragen
► Einfach zu waschen & zu pflegen, kein Bügeln nötig
► Nimmt nur sehr wenig Feuchtigkeit auf & trocknet schnell
► Weich & hautfreundlich
► Sehr gute Wärmeisolierung durch Veredlung der Faser
► Ausgezeichnete Licht- und Wetterbeständigkeit
► Farbecht und wäscht nicht aus
► Mottensicher und fäulnisbeständig

 

Nachteile der Kunstfasern auf einen Blick

► Nur bei geringer Temperatur Trockner geeignet
► Verträgt hohe Wärme schlecht und tendiert zum Einlaufen
► tendiert bei starkem Schwitzen zu unangenehmem Geruch
► wird aus Erdöl gewonnen und setzt Mikroplastik beim Waschen frei

Welche Kunstfasern gibt es?

Polyester ist zwar die bekannteste, aber nicht die einzige Kunstfaser, die in Kleidung verarbeitet wird. Je nach gewünschten Eigenschaften des Kleidungsstücks, werden unterschiedliche Chemiefasern verwendet. Besonders Sportbekleidung und Jacken kommen heute kaum ohne Kunstfasern aus. Elasthan sorgt für Dehnbarkeit, perfekte Anpassung und Bequemlichkeit, Polyamid wehrt Wasser und Schmutz ab, Polyacryl hält richtig schön warm. Dabei ist es nicht einfach im Gewirr der unterschiedlichen Bezeichnungen herauszufinden, was was ist. Hier kannst Du Dir daher einen kleinen Überblick über die wichtigsten Chemiefasern und ihre alternativen Bezeichnungen verschaffen.

Hestellung von Nylonfäden

Polyester (Kürzel: PES)

Polyester ist die am weitesten verbreitete Chemiefaser in der Modeindustrie. Sie kommt in praktisch allen Arten von Kleidungsstücken – von Kleidern bis zur Sporthose – vor, oft auch als Gemisch mit Baumwolle. Die synthetische Faser ist sehr widerstandsfähig, ausgezeichnet einfärbbar und hat zahlreiche tragefreundliche Eigenschaften. Da sich Polyester leicht verarbeiten lässt, kann man durch bestimmte Veredlungsverfahren gerade für Funktionskleidung weitere nützliche Eigenschaften wie Atmungsaktivität oder Wasserdichte erreichen.

Andere Bezeichnungen:  Trevira, Diolen, Polartec, Polarguard, Vestan, Thermolite, Dacron

Polyamid (Kürzel: PA)

Polyamid ist elastisch, trocknet schnell und weist eine besondere Reißfestigkeit auf.  Vor allem Strumpfhosen und Bademode werden aus dieser auf Erdöl basierenden, synthetischen Faser hergestellt, man findet sie aber auch in Sportbekleidung oder Unterwäsche.

Andere Bezeichnungen: Nylon, Perlon, Helanca, Teflon, Tactel, Grilon, Dederon, Antron

Elasthan (Kürzel: EL)

Alles, was sich perfekt an den Körper anpasst, hat garantiert einen Elasthan-Anteil in seiner Stoffzusammensetzung: Shapewear, Bademode, Leggings, Jeans und Hosen mit Stretchanteil und vieles mehr. Die Kunstfaser hat eine Dehnfähigkeit von 500-700% und ist dennoch höchst formstabil ohne auszuleiern.

Andere Bezeichnungen: Lycra, Spandex, Dorlastan, Polyurethan

Polyacryl (Kürzel: PAN)

Polyacryl findet ich vor allem in Pullovern, Strickjacken, Strümpfen, Decken und allem Wollähnlichen. Die Griffigkeit der Kunstfaser ähnelt stark der Wolle, sie wärmt stark, ist weich und sehr pflegeleicht. Bei Strickwaren findet man sehr häufig ein Polyacryl-Wollgemisch – so werden die guten Eigenschaften beider Fasern optimal kombiniert.

Andere Bezeichnungen: Orlon, Dolan, Dralon, Polyacrylnitril

Aramid (Kürzel: AR)

Aramid ist eine ganz besondere Chemiefaser- sie kann uns nämlich das Leben retten. Die besonders bruch- und schlagresistente Faser wird vor allem für die Herstellung von Schutzbekleidung wie kugelsichere Westen oder Schnittschutzhandschuhe verwendet. Doch auch im Brandschutz bei Feuerwehrmonturen und Löschdecken oder in den Overalls von Formel 1-Fahrern ist die Verarbeitung der Faser weit verbreitet. In der klassischen Fashion ist Aramid dagegen nicht zu finden.

Andere Bezeichnungen: Kevlar, Twaron, Nomex, Teijinconex, Teijin, Technora

Polypropylen (Kürzel: PP)

Polypropylen ist die leichteste unter den synthetischen Kunstfasern, sie ist besonders wasserabweisend und sehr reißfest. Im Fashionbereich wird PP hauptsächlich für die Herstellung von Unterwäsche sowie Outdoor- und Sportfunktionsbekleidung verwendet. Gerade im professionellen Sportbereich als Base Layers oder bei Sporttrikots kommt Polypropylen – oft auch im Zusammenspiel mit Naturfasern wie Merinowolle – zum Einsatz.

 Andere Bezeichnungen: Polypropen , Polycolon, Asota, Meraklon, Vestolan, Berclon

Viskose-Herstellung

Welche halbsynthetischen Fasern gibt es?

 Neben den rein chemisch, meist aus Erdöl hergestellten, Kunstfasern, gibt es auch noch die Gruppe der halbsynthetischen Fasern. Für die Herstellung dieser Textilien wird eine natürliche Basis – Zellulose aus Bäume oder anderen Pflanzen – verwendet, aus der danach durch chemische oder physikalische Prozesse eine Faser entsteht. Diese bio-basierten Kunststofffasern sind in der Regel schnell und leicht biologisch abbaubar, die Eigenschaften ähnlich dabei den reinen Chemiefasern.

 Viskose (Kürzel: CV)

Viskose entsteht, wenn Zellulose (v.a. aus Buche, Bambus, Fichte, Pinie oder Eukalyptus) in einem Nassspinnverfahren zu einem Faden versponnen wird. Das daraus entstehende Textil ist ein wahrer Umweltfreund: Die Herstellung ist weniger ressourcenaufwendig als die Produktion von z.B. Baumwolle, die Faser ist später aber ähnlich gut biologisch zersetzbar. CV wird in der Bekleidungsmittelindustrie sehr häufig verwendet, vor allem für leicht fallenden Stücke wie Sommerkleider, Tuniken oder Blusen.

Andere Bezeichnungen: Rayon, Enka, Danufil

Modal (Kürzel: CMD)

Modal ähnelt stark der Viskose und wird in einem ähnlichen Nassspinnverfahren hergestellt. Als Basismaterial für Modal dient aber ausschließlich Buchenholz. Der Unterschied zur Viskose ist seine bessere Feuchtigkeitsaufnahme, eine festere Konsistenz und damit höhere Reißfestigkeit. Kleidung aus Modal weist einen seidigen Schimmer und einen hohen Tragekomfort auf. Sie ist besonders langlebig und pflegeleicht.

Andere Bezeichnungen: Avril, Lenzing-Modal

Lyocell (Kürzel: CLY)

Lyocell ist eine Weiterentwicklung von Modal. Die Faser wird aus einer Mischung aus Buchen- Eykalyptus- und Fichtenholz gewonnen und ist komplett kompostierbar. Lyocell wird vor allem für seinen kühlende und feuchtigkeitsabsorbierende Wirkung geschätzt. Die nachhaltige Faser ist vielfältig einsetzbar: Kleider, T-Shirts, Sportbekleidung oder Jeans können daraus hergestellt werden.

Andere Bezeichnungen: Tencel

Acetat (Kürzel: CA)

Für die Herstellung von Acetat wird pflanzliche Zellulose mittels Essigsäuren verestert, wodurch Fasern für textile Zwecke entstehen. CA, gemeinhin bekannt als Kunstseide, wird für einen Vielzahl von Bekleidungsstücken verwendet. Neben seiner Funktion als Futterstoff, werden auch Kleider, Hemden, Blusen, Dessous und mehr aus Acetat herstellt. Das Textil ist von echter Seide kaum zu unterscheiden, es ist sehr weich, kühl, glatt und glänzend.

Andere Bezeichnungen: Kunstseide, Triacetat, Celluloseacetat, Acetylzellulose, Celanese, Cellit, Tenite, Arnel, Tricel

Cupro (Kürzel: CUP)

Cupro wird gewonnen, indem der verwendete Zellstoff in einer ammoniakalischen Lösung mit Kupferanteil gelöst und anschließend gepresst wird. Die daraus entstehende bio-basierte Kunststofffaser ist in ihren Eigenschaften mit Viskose vergleichbar. Der feine weiche Stoff hat einen seidigen Griff und wird vor allem in der Herstellung von Damenmode verwendet.

Andere Bezeichnungen: Kupferseide

Kunstfaser – Besser als ihr Ruf.

Kunstfasern sind lange nicht mehr, was sie einmal waren. Längst sind gut gemachtes Polyester & Co. in den Olymp der Edel-Stoffe aufgestiegen – lieber eine hochwertige synthetische Textilfaser als billige Seide, lautet bei vielen Einkäufern die Devise. Und tatsächlich: Sieht man sich auf den Stoffmessen weltweit um, überragen die Preise von hochwertigem Polyester schon seit Jahren die von Seide.

Ana Alcazar Kleid Zidy aus Polyester

Chemiefasern sowie bio-basierte Kunstfasern sind heute technisch so hoch entwickelt, dass sie atmungsaktiv sind und einen hohen Tragekomfort gewährleisten. Und auch das Argument der Umweltbelastung muss widerlegt werden, denn die Herstellung von Naturfasern ist oftmals belastender und Ressourcen schädigender als die der Kunstfasern (Stichwort: Wasser-Fussabdruck), die zudem dank der nahezu unbegrenzten Lebensdauer dem Nachhaltigkeitsgedanken eher gerecht werden als dies Naturfasern tun. Auch streng ökologisch ausgerichtete Firmen haben das mittlerweile entdeckt und arbeiten bewusst mit Kunstfasern. So ist es z.B. möglich aus recycelten PET-Flaschen Polyesterstoff für die Textilindustrie herzustellen, indem aus den sogenannten Bottle Flakes Stapelfasern gewonnen werden. So stehen die Rohstoffe dem Wirtschaftskreislauf weiterhin zur Verfügung.

Polyester Stapelfasern gewonnen aus alten PET-Flaschen

Spulen aus fertig eingefärbtem Polyestergarn zur Weiterverarbeitung

Endprodukt: T-Shirt aus Polyester

Die Industrie arbeitet zudem bereits seit langem an der Entwicklung abbaubarer Synthetikstoffe wie nachhaltigem Polyester und Nylon. Dennoch lässt es sich nicht wegleugnet, dass vor allem reine Chemiefasern wie Polyester oder Polyamid derzeit noch schlecht biologisch abbaubar sind. Gerade beim Waschen setzen Kleidungsstücke aus Kunstfasern je nach Material mehrere hundertausend kleinste Mikroplastikpartikel ab. Diese können oft nicht vollständig im Klärwerk gefiltert werden und gelangen so in unsere Gewässer. Wer dem Vorbeugen möchte, kann spezielle Waschbeutel benutzen, in denen sich das ausgeschiedene Mikroplastik sammelt. Nach dem Waschgang können die Partikel ganz einfach im Hausmüll entsorgt werden.

Aufgrund ihrer Teils weitaus besseren Eigenschaften im Vergleich zu Naturfasern, werden wir sicherlich auch in Zukunft nicht auf synthetische Fasern verzichten können. Wie bei so vielem anderen auch, gilt es auch hier mit Augenmaß zu handeln. Es spricht nichts dagegen, ein neues Lieblingskleid aus Polyester & Co. zu kaufen, beachte dabei aber folgendes:

Nein zu Fast Fashion! Kaufe zeitlose Kleidung und Klassiker, die du über Jahre hinweg nutzen kannst und willst
► Schmeiße deine Kleidung nicht weg, sondern verkaufe sie weiter oder spende sie
► Stecke deine Kleidung aus Kunstfasern im Waschbeutel und fange so den Abrieb von Mikroplastik auf

Noch Fragen zu weiteren Textilarten? In unserem 1×1 der Wolle und unserem großen Leinenratgeber haben wir viele wissenswerte Informationen rund um diese Naturfasern zusammengefasst.

Viv

von

Redakteurin & kreatives Modemädchen, seit 2011 im Ana Alcazar Team. Geht gut: Grunge, Jumpsuits, Oversize Strick, Spitze, Monochrom; Geht nicht: High Heels, Bouclé, Pailletten.

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