Jan 19, 2014

Kleine Warenkunde: Seide

Aktualisiert am 1. April 2020

Nachdem wir euch bereits in die Welt der Wolle eingeführt haben und euch erklärt haben, wieso Polyester besser als sein Ruf ist, spüren wir heute in unserer Blogserie „Kleine Warenkunde“ einem der edlsten Stoffe der Welt nach – der Seide.

Sie schimmert und glänzt, bricht und reflektiert Licht, ist die wohl strahlkräftigste Naturfaser der Welt und doch liegen ihre Geschichte und vor allem ihre Ursprünge im Dunkeln. Sich ihnen anzunähern, verlangt, sich in die Welt faszinierend-fremder Märchen und Mythen zu begeben: Es heißt, der sagenumwobene chinesische Kaiser Fu Xi hätte sie vor etwa 5000 Jahren ebenso wie die Musik und Melodie der Welt geschenkt. Ob dem tatsächlich so ist, das sei dahingestellt. Eine schöne, dem märchenhaften Charakter der Seide gerecht werdende Geschichte ist es auf jeden Fall. Was wir heute tatsächlich durch die Arbeit unermüdlicher Archäologen wissen, ist, dass Seide bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. in Asien verbreitet war. Auch wissen wir, dass es den Chinesen unter Androhung der Todesstrafe verboten war, das Geheimnis der Seidengewinnung zu lüften.

Seidenschlagen

Chinesische Frauen beim Seide schlagen (12. Jh.)

Die Liebe zum leuchtstarken, luftig leichten Stoff machte Seide jedoch – und um so mehr als dass sie etwas Geheimnisumwobenes mit sich trug – zu einem begehrten Gut, für dass die Damen der Welt und gerade die des Westens vieles zu geben bereit waren.

So berichten uns bereits die römischen Chronisten, dass die betuchte Gesellschaft Roms keine Mühen und Kosten scheute, an das rare Luxusgut aus Fernost zu kommen. Und nicht umsonst ist die bekannteste Handelsroute der Welt, die Seidenstraße, über die sie unter abenteuerlichen Bedingungen ihren Weg nach Europa schaffte, nach ihr benannt.

Es dauerte allerdings noch bis ins späte Mittelalter, bis die Seidenproduktion wirklich auch auf unserem Kontinent Fuß fassen konnte. Nach und nach etablierten sich Zentren für Seide in Lucca, Lyon, Zürich und – Krefeld. Übrigens ist uns der Name eines der größten und verdienstvollsten deutschen Seidenhändler des Mittelalters, der bei der Verbreitung des wundervollen Stoffs eine wichtige Rolle spielte, noch heute Tag für Tag im Ohr, denn unserer neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, hat einen Nachfahren des alten Händlergeschlechts von der Leyen geehelicht.

Warum nun aber war Seide derart begehrt?

Warum scheuen Menschen seit Jahrtausenden keine Mühen und Kosten, um sich in diesem faszinierenden Stoff zu kleiden? Es ist ganz klar mehr als nur ihrer sagenhaften Geschichte und ihrer ursprünglichen Rarität geschuldet. Und tatsächlich gibt es kaum einen Stoff, deren Vorzüge offensichtlicher sind als die der Seide:

Sie kühlt im Sommer und wärmt im Winter, ist durch ihre minimale Dichte traumhaft leicht und zählt trotzdem zu den formbeständigsten Materialien der Modewelt, zu einem der gnädigsten zugleich, denn es nimmt Farbe wunderbar leicht auf und lässt sich vielfältig einsetzen.

So lassen sich aus Seide Stoffe fertigen, die mit unglaublich fein und scharf umrissenen Ornamenten bedruckt werden können, um dann entweder stark konturiert geschneidert zu werden oder aber um frei und leicht zu fallen.

Seidenkleider aus der aktuellen Ana Alcazar Kollektion

Die Vielfältigkeit des Materials setzt der Vielfältigkeit der Imagination und Kreativität also buchstäblich kaum Grenzen.

„Mit Geduld und Zeit wird aus dem Maulbeerbaum ein Seidenkleid“

Wie das möglich ist, wird klar, wendet man sich den eher technischen Aspekten der Seide zu. Seide, das ist in der Regel – wenn man also nur von der echten Seide, nicht etwa der synthetischen spricht – der verarbeitet Kokonfaden der Raupe des sogenannten Seidenspinners, eines Schmetterlings aus der Familie der Echten Spinner, der zwischen Indien und Japan beheimatet ist, heute allerdings als Folge der Handelsgeschichte der Seide auch in Südeuropa und Brasilien vermehrt vorkommt. Damit handelt es sich bei Seide, was vielleicht deutlich weniger offensichtlich ist als etwa bei Leder, um ein rein tierisch-natürliches Produkt. Die bis heute relativ hohen Kosten für Rohseide sind trotz optimierter Produktionsverfahren übrigens ganz einfach das Ergebnis ihrer langwierigen und aufwendigen Gewinnung. Die Raupen des Seidenspinners müssen über mehrere Wochen umsorgt und mit Maulbeerbaumblättern gefüttert werden, nur um dann einen Kokon zurückzulassen, der kaum Gewicht hat und dessen Fäden nur ein 20.000stel Millimeter stark sind.

Seide_Maulbeer

Seidenspinner bei der Arbeit

Für ein einziges Kleid aus Seide verspeisen die Raupen, so haben amerikanische Forscher errechnet, übrigens 70 kg Maulbeerbaumblätter. Im Ergebnis allerdings wird aus diesen wörtlich hauchdünnen Fäden ein Garn gezwirnt, dass tragfähiger ist als jedes andere natürliche Material der Welt, selbst als Metall, und dessen extrem hoher Eiweißanteil von knapp 80% und spezifische Molekülstruktur die Formbarkeit, Festigkeit und Färbefähigkeit des Materials bestimmen.

So bleibt Seide begründeter Weise bis heute eines der beliebtesten und luxuriösesten Materialien der Modewelt, an dessen althergebrachte und traditionelle Herstellung viele synthetische Fasern heute zwar heranreichen, dessen unglaubliche Geschichtsträchtigkeit und Faszination aber schlichtweg unübertroffen bleiben.

Und? Lust nach soviel Theorie, die Seide auch mal praktisch auzuprobieren? Dann einfach mal in unseren Seidenkleider-Rubrik reinschauen, dort findet ihr wunderschöne Kleider aus 100% reiner Seide sowie einen ausführlichen Ratgeber, wie ihr das edle Stöffchen am besten pflegt.

Viv

von

Redakteurin & kreatives Modemädchen, seit 2011 im Ana Alcazar Team. Geht gut: Grunge, Jumpsuits, Oversize Strick, Spitze, Monochrom; Geht nicht: High Heels, Bouclé, Pailletten.

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