Mrz 3, 2014

Kleine Warenkunde: Leinen

Aktualisiert am 1. April 2020

Fällt das Wort Leinen, so fallen die anhängenden Assoziationen meist erstaunlich verschieden aus. Ihr mögt etwa sofort an Großmutters Bettwäsche denken, an Künstlerateliers, in denen sich Leinwand auf Leinwand türmt, euch mögen patinierte Bilder von Spinnrädern und Webstühlen vor dem inneren Auge erscheinen, Erinnerungen an Ausstellungsstücke aus ethnologischen und antiken Museen durch den Kopf spuken, Gedanken an Trachten oder altbackene Ökomode ebenso aufkommen wie an einige eurer liebsten, wunderbar designten Sommerkleidungsstücke. Egal woran genau ihr denken mögt, was sich in diesem kurzen Nachdenken über Leinen zeigt, ist die unglaubliche Vielseitigkeit, lange Tradition und über scheinbar unendlich lange Jahre ausgeübte Faszination des Materials auf die verschiedensten Menschen. Jedoch, kaum jemand weiß um die Geschichte und die genaue Beschaffenheit von Leinen. Daher wollen wir uns in Fortsetzung unserer kleinen Reihe zur Warenkunde heute etwas genauer mit Leinen beschäftigen.

Leinen_feld

Leinenfeld mit gemeinem Lein

Leinen, das bezeichnet nicht nur jenes Gewebe, an das wir heute vor allem denken, sondern im eigentlichen Sinne die Pflanze, aus der das Gewebe hergestellt wird. Neben Mohn handelt es sich beim sogenannten Gemeinen Leinen um eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, die recht wenig gemein hat mit Leinengewebe: Während das Gewebe neben vielen anderen wunderbaren Eigenschaften vor allem durch seine Stabilität und Langlebigkeit auszeichnet, ist die Leinenpflanze erstaunlich kurzlebig und fragil. Und wer nicht gerade an einem Leinenfeld während der kurzen Zeit der meist fantastisch bläulich schimmernden Blüte vorbeispaziert, mag sich über die Unscheinbarkeit der dürren Pflänzchen gar verwundert die Augen reiben. Einstmals im Mittelmeerraum beheimatet, hat sich der Gemeine Leinen jedoch mit ihm optisch kaum zuzutrauender Hartnäckigkeit langsam ausgebreitet und kann heute nicht nur in weiten Teilen Europas, sondern der gesamten Welt gefunden werden.

Eine kleine Geschichte der Leinengewinnung

Wann und wie genau eine textile Nutzung des Gemeinen Leinens beginnt, lässt sich heute kaum mehr sagen. Allerdings wissen wir, dass die kleinen Samen der Pflanze bereits im Jahr 7000 v. Chr. für die Ölproduktion in der Türkei benutzt wurden, während die ältesten Funde von Leinengewebe auf das vierte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zu datieren sind. Die wurden übrigens in Ägypten gemacht, in eben jenem Teil des Landes, der – wie ihr ja bereits in unserer Warenkunde zur Baumwolle erfahren habt – heute vor allem für herausragende Baumwollqualität bekannt ist.

Leinenstoff Textur

Die alten Ägypter jedenfalls, die Leinen später auch als gewebtes Mondlicht bezeichneten, müssen festgestellt haben, dass sich die die Stängel der Leinenpflanze, die sogenannten Flachsstängel, mit ein paar Kniffen großartig weiterverarbeiten lassen. Die Technik ist dabei heute in ihren Grundsätzen noch die gleiche wie in grauer Vorzeit: Die Leinenstängel werden entweder durch Wasserbäder oder aber durch längeres Aussetzen in taureichen Gebieten aufgeweicht, bis sich die Fasern von ihnen zu lösen beginnen und anschließend für geraume Weile zum Trocknen gelegt. Dann erst wird das um die Fasern liegende Holz gebrochen und die Fasern werden entnommen. Anschließend können die Fasern versponnen und gewebt werden. Ein aufwendiger Herstellungsprozess, der Leinen in der Antike zum beinahe unerschwinglichen Luxusprodukt machte und bis heute dafür sorgt, dass es sich bei Leinen um eine der hochpreisigsten Textilien handelt.

Während es den Chinesen etwa gelang, das Geheimnis der Seidenproduktion lange geheim zu halten, breitete sich die Kenntnis der Leinenproduktion bald durch ganz Europa und den Nahen Osten aus. Es sollte allerdings noch bis ins Mittelalter dauern, bis die Herstellung des Leinens tatsächlich professionalisiert wurde. Dafür zeichnete damals vor allem eine Familie verantwortlich, die uns heute in der Regel nur noch als reiche Bankdynastie bekannt ist: die Augsburger Fugger.

Vom Niedergang und der Renaissance des Leinen

Über viele hundert Jahre blieb Leinen dann neben Wolle der absolute Liebling der Europäer, wenn es um die Herstellung von Kleidung ging. Ein jähes Ende wurde dem Leinengewebe dann allerdings durch die in Mode kommende, deutlich günstigere Baumwolle bereitet. Fast ein gesamtes Jahrhundert war Leinen dann an die Peripherie der Modeindustrie gedrängt, wurde wegen seiner hervorragenden Materialqualitäten allerhöchstens für solide Bettwäsche und Tischdecken verwendet, fand in der ein oder anderen Nische Gebrauch.

Mit zunehmendem Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein begann Leinen dann jedoch zum Ende des letzten Jahrhunderts eine unerwartete Renaissance: Leinen gedeiht auf mageren, meist landwirtschaftlich ungenutzten Böden, kann nicht nur für die Herstellung von hochwertigen Modegeweben verwendet werden, sondern bietet Nebenprodukte, die sich etwa als Füllmaterial für Möbel oder als Dämmstoff benutzen lassen. Zugleich können seine Samen zu Öl verarbeitet werden. Damit ist der Gemeine Leinen eine der für Menschen am Umfassendsten zu nutzenden Pflanzen der Welt.

Lange nur für Bettwäsche oder für Tischdecken eingesetzt, erlebt Leinen heute eine riesige Renaissance auch im Modebereich.

Die Vorzüge des Leinengewebes für die Modebranche liegen ebenso auf der Hand: Er lässt sich nicht nur zu diversen Garnstärken spinnen, sondern auch vielfältig und spannend-subtil verweben, kann wunderbar gefärbt werden und lässt sich bestens schneiden. Zudem präsentiert sich Leinengewebe, so man bei all den Spinn- und Webweisen überhaupt von einem allgemeinen Typ des Leinengewebes sprechen kann, als unerwartet flexibel: Ist das spröde Flachs erst mal verarbeitet, lässt sich Leinengewebe in leicht feuchtem Zustand unterschiedlichst legen und fügen. Auch ist Mode aus Leinen deutlich kühler und fester im Griff als etwa Baumwolle, daher deutlich besser geeignet für Sommermode. So hat Leinen heute endlich und verdientermaßen wieder einen festen Platz in der Welt der Mode.

Übrigens: Wie ihr Leinen richtig pflegt, zeigen wir euch hier in unserem 1×1 rund um Flachsfaserstoffe!
Viv

von

Redakteurin & kreatives Modemädchen, seit 2011 im Ana Alcazar Team. Geht gut: Grunge, Jumpsuits, Oversize Strick, Spitze, Monochrom; Geht nicht: High Heels, Bouclé, Pailletten.

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