Feb 5, 2014

Kleine Warenkunde: Baumwolle

Aktualisiert am 19. März 2020

Auf unserem Streifzug durch die Welt und Geschichte der Textilien haben wir euch bereits ein wenig von der ‚Mutter‘ aller Textilien, der Wolle, vom langen Weg der edlen, echten Seide in die westliche Mode und dem Siegeszug des Polyesters berichtet. Höchste Zeit also, dass wir uns einer der anderen großen, wenn auch schwächelnden Heldinnen der Modewelt, der Baumwolle nämlich, widmen. Bevor wir aber beginnen mit euch durch die Jahrtausende der Baumwollgeschichte zu surfen, vielleicht ein paar kleine Fun und Hard Facts jüngeren Datums:

Baumwolle wird heute in diversen Anbaugebieten über den gesamten Globus verstreut in rauen Mengen gepflanzt und gewonnen – und zwar von Ostchina über Indien und Ägypten bis nach Zentralargentinien. Apropos Ägypten, da es uns hier gerade unter die Finger gekommen ist: Der gute Ruf der ägyptischen Baumwolle, der euch vermutlich auch schon das ein oder andere Mal erreicht hat, ist zwar bedingt gerechtfertigt, aber ein Großteil der aus dem Land am Nil stammenden Baumwolle wird nicht in jenen Anbaugebieten gewonnen, deren warm-feuchtes Klima und deren reichhaltige Böden die Grundlage für die hohe Fadenqualität bilden (vor allem im Nildelta). Es ist also durchaus Vorsicht geboten, wenn das Anbaugebiet nicht genauer bestimmt ist.

Nildelta

Das fruchtbare Nildelta bietet perfekte Voraussetzungen für den Anbau hochwertiger Baumwolle

Aber zurück zu den Hard Facts: Die aktuelle Produktionsmenge für Baumwolle liegt bei unglaublichen 25 Millionen Tonnen jährlich. Wie sich eine solche Zahl in Volumen übersetzt, ist kaum auszumalen: Vermutlich könnte man damit ganze Großstädte wattieren oder kleine Bergmassive daraus modellieren. Ganz faktisch ist Baumwolle durch diese enormen Produktionsmengen absoluter Marktführer im Bereich der Naturfaserherstellung, hält ganze 75 % am Markt. Allerdings – und das mag euch ebenso wie uns erstaunen – wurde die Baumwolle bereits Anfang des neuen Jahrtausends vom Polyester von Platz 1 unter allen Textilfasern verdrängt.

Die Abstände, gerade im Bereich der Mode, sind dabei jedoch noch so gering, dass Jahr um Jahr ein recht ernster Konkurrenzkampf um die Marktführerrolle tobt. Warum Polyester jedoch eine wirkliche Chance hat, die Baumwolle auch langfristig auf Abstand zu bringen oder gar zu verdrängen, wird jedoch klar, wenn ihr euch noch mal ins Gedächtnis ruft, was wir euch über die enormen technischen Fortschritte in der Polyesterherstellung berichtet haben.

Griechen-Toga

Die Griechen lieben ihre Baumwollgewänder – vom Chiton bis zum Peplos- trotz ded Begriffs-Faux Pas Herodots.

Baumwolle und Mode treffen sich nicht erst im 19. oder gar 20. Jahrhundert, auch wenn wir die alten Webereien und Spinnereien, die sich durch Deutschland verstreut und heute meist nicht mehr oder anders genutzt finden, als stille Zeugen dafür halten. Auch nimmt sie ihren Ausgang nicht in den USA jener Jahre, so wie man meinen mag, wenn man sich unzählige amerikanische Hollywoodproduktionen wie etwa den letztjährigen Film The Butler mit der großartigen Oprah Winfrey und dem genialen Forest Whitaker anschaut. Vielmehr lässt sich Baumwolle als gern genutztes Textil bereits für die Indus-Kultur im 3. Jahrtausend vor Christus belegen. Zugleich wird heute allerdings davon ausgegangen, dass sich sowohl die Domestizierung der Baumwolle als auch ihre Nutzung zur Herstellung von Kleidung in verschiedenen Teilen der Welt unabhängig voneinander und teilweise zeitgleich entwickelte.

Den europäischen Kulturraum betrat die Baumwolle auch bereits etliche hundert Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung, allerdings mit einem eklatanten Missverständnis, dass sich bis heute hartnäckig gehalten hat – und zwar in ihrem Namen. Die Baumwolle, die eigentlich aus den beinahe aus reiner Cellulose bestehenden Samenhaaren einer der 51 verschiedenen Strauchgewächse der zur Familie der Malvengewächse gehörigen Gattung gewonnen wird, trägt den Baum im Namen, da der griechische Historiker Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. offensichtlich wenig von Botanik verstand- denn demzufolge ist die Baumwolle eigentlich ganz klar eine Strauchwolle. Das tat dem großen Erfolg der Baumwolle zur Herstellung hochwertiger Kleidung bei Griechen und Römern jedoch keinen Abbruch. Vielmehr galt sie lange Zeit als ein ebenso exklusives wie luxuriöses Importgut, das für seine Leichtigkeit und großartigen Materialqualitäten noch bis ins 18. Jahrhundert ähnlich geschätzt wurde wie Seide.

Erste Schritte hin zu einem breiteren Baumwollmarkt wurden durch den verstärkten und besser organisierten ‚Orienthandel‘ der italienischen Staaten, vor allen Venedigs, gemacht, von wo aus sich Zentren für Baumwolle durch Europa ausbreiteten. Für den deutschen Sprachraum ebenso wie den Rest Europas wurde in der frühen Neuzeit dabei kurioser Weise vor allem Augsburg bedeutend, dass beinahe den gesamten Baumwollhandel des Kontinents zu kontrollieren wusste. Noch mehr Baumwolle kam dann – wie könnte es anders sein –mit den Engländern nach Europa, deren Ostindien-Kompanie den Transport des Luxusguts Baumwolle effizient organisierte. Dass es sich bei Baumwollkleidung eben um ein absolutes Luxusprodukt handelte, hatte jedoch nicht nur mit den weiten Transportwegen der Faser zu tun, sondern vor allem mit der unglaublich aufwendigen und kleinteiligen Herstellung. Für Baumwollfäden mussten unendlich viele kleine Samenhaare in mühevollster Arbeit von Hand gebündelt und ineinander verschlossen werden, bevor sie dann unter ähnlichem Aufwand verwebt werden konnten.

Baumwolle_frueher

Baumwolle Herstellung früher…

Baumwolle_heute

…und hochmoderene Spinnereien heute

Auch wenn die Baumwolle heute stark unter Druck von Seiten der immer besser werdenden Qualität des Polyesters steht, sollten wir doch davon ausgehen können, dass sie uns als einer der absoluten Klassiker der Textilbranche erhalten bleibt. Zu groß sind ihre Vorteile: Sie ist leicht und flexibel, lässt sich bestens verarbeiten und ist von derart hoher Atmungsaktivität wie keine andere Naturfaser der Welt.

 

Viv

von

Redakteurin & kreatives Modemädchen, seit 2011 im Ana Alcazar Team. Geht gut: Grunge, Jumpsuits, Oversize Strick, Spitze, Monochrom; Geht nicht: High Heels, Bouclé, Pailletten.

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