Mai 7, 2021

CAPSULE WARDROBE – DER Fashiontrend für’s 21. Jahrhundert?

Keine geringere als Vivienne Westwood formulierte es einmal so: «Buy less, choose well, make it last.« Das bringt es auf den Punkt. Besser könnte man das Konzept der Capsule Wardrobe nicht in Worte fassen. Das Prinzip ist einfach: Nur 37 Teile pro Jahreszeit im Schrank – alle miteinander kombinierbar.

Als Erfinderin der sog. Capsule Wardrobe (Kapsel-Garderobe) gilt die Inhaberin eines Londoner Modegeschäfts namens «Wardrobe« in den 70er Jahren: Susie Faux. Es war ihre Idee, eine Garderobe voller zeitloser Basics zusammenzustellen, welche über mehrere Saisons hinweg getragen werden können. Berühmt wurde die Capsule Wardrobe aber erst durch die Modedesignerin Donna Karen. Sie präsentierte 1985 eine nur siebenteilige Kollektion mit dem bezeichnenden Namen  »Seven-Easy-Pieces«. Diese bestand aus einem Body als Basic, einem Kleid, einem Rock, einer weiten Hose, einem Blazer, einem Kaschmirpullover und einem klassischen weißen T-Shirt. Das Besondere daran? Alle Teile waren miteinander kombinierbar.

Dabei sieht die Realität in unseren Kleiderschränken mehrheitlich anders aus. Laut einer Greenpeace-Studie besitzt jeder Erwachsene in Deutschland 95 Kleidungsstücke (exklusive Unterwäsche und Socken). Der Schrank von einem Drittel aller Deutschen ist mit 100 bis 300 Teilen bevölkert, wobei Frauen mit 118 Pieces vor den Männern liegen. Im Ergebnis wird jedes fünfte Kleidungsstück kaum getragen und landet im Müll. Fast Fashion lässt grüßen.

Bye Bye Fast Fashion. Welcome Minimalism.

Capsule Wardrobe ist also kein neues Konzept. Trotzdem erfreut es sich aktuell steigender Beliebtheit. Kein Wunder, denn die Idee dahinter ist auf schlagende Weise zeitgemäß. Bewusst konsumieren, nachhaltiger leben und insgesamt etwas entschleunigen – Capsule Wardrobe trifft den Nerv in einem Jahrzehnt, in dem viele langsam umdenken. Das Bewusstsein zukünftig drohender Ressourcenknappheit, unmenschlicher Arbeitsbedingungen in der Produktion und die drängende Klimafrage verändert die Haltung vieler. Andere sind einfach müde und gelangweilt von der Flut an Fast Fashion und wollen die saisonal wiederkehrende Jagd nach den neuesten Trends nicht mehr mitmachen. Immer mehr Menschen achten auf faire Produktionsketten, nachhaltige Materialien und ihren eigenen CO2 Footprint. Stichwort: Slow Fashion.

Quelle: Greenpeace Studie „Kleiderkonsum“ (Bild verlinkt)

 

Capsule Wardrobe ist der alternative Weg. Sie macht es möglich, ein bisschen zu einer besseren Welt beizutragen. Eine durchdachte Garderobe, die auf kombinierbare Pieces setzt, ist das Gegenprinzip zu Beliebigkeit und Verschwendung, Fast Fashion und Über-Konsum. Sich bewusst für seine Favoriten zu entscheiden, schärft ganz nebenbei auch das eigene Stilprofil und enthebt ganz pragmatisch von der allmorgendlichen Frage: »Was ziehe ich nur an?«


In 5 Schritten zu deiner Capsule Wardrobe

Los geht’s! Hier erfährst du, wie du deine individuelle »Kapsel-Garderobe« zusammenstellen kannst. Die saisonal funktionierende Auswahl basiert auf 37 Basics und Favorites, welche untereinander kombinierbar sind. Dazu zählen auch Schuhe und Taschen. Je nach Saison benötigst du dicke Jacken und Mäntel oder den leichten Trenchcoat. Der Trick: Sinnvolle Klassiker und Basics sollen mit Trend-Pieces ergänzt werden.

Soviel vorweg: Im Kleiderschrank befindet sich nur das, was gerade Saison hat. Alles andere wird in Kartons verstaut und weggepackt. Alle drei Monate kannst du deine Capsule Wardrobe anpassen und natürlich immer gegebenenfalls fehlende Teile ergänzen.

► Schritt 1:  Ziel setzen & Bestandsaufnahme

Ist der Entschluss erst gefasst, geht es darum, zu überlegen, auf wie viele Kleidungsstücke du deine Capsule Wardrobe begrenzen möchtest. Generell gilt, dass sie im Schnitt 37 Teile pro Jahreszeit enthalten sollte – inklusive Schuhe und Taschen. Dabei werden Fitness-Looks, Unterwäsche, Pyjamas und Socken nicht mitgezählt. Wichtig: Die Idee der Capsule Wardrobe beginnt beim eigenen Schrank. Damit ist nicht gemeint, sich schnell mal 37 neue Trendlieblinge zu kaufen!

► Schritt 2: Ausmisten & Verschenken oder Spenden

Was muss gehen, was darf bleiben? Das ist eine der schwierigsten Aufgaben. Sortiere deine Klamotten: Bleiben dürfen nur die Pieces, welche du gern und viel trägst, die sich vielseitig kombinieren lassen, perfekt passen und in denen du dich modisch gut repräsentiert fühlst – ohne Wenn und Aber.

Alle anderen Pullis, Hosen oder Kleider, welche du nicht mehr behalten willst, kannst du verkaufen, verschenken oder spenden. Besonders beim Anprobieren stößt man auf das ein oder andere Teil, bei welchem man unentschieden ist. Packe all diese Kleidungsstücke einfach zur Seite und wenn du sie nach zwei Monaten nicht vermisst – gib sie weg.

► Schritt 3: Analysieren & Farben wählen

Je nach persönlichem Stil kann eine Capsule Wardrobe sehr unterschiedlich ausfallen. Was ist für dich wichtig? Was macht deine Looks individuell? Gibt es bestimmt Cuts, welche dir besonders gut stehen?

Die Farbwahl: Welche Farben prägen deine Outfits? Meist ist das keine große Frage, sondern eine klare Sache. Für die Capsule Wardrobe ist es sinnvoll, zuerst eine Basisfarbe zu definieren. Angenommen, deine Lieblingsfarbe ist Blau in allen Nuancen – dann ist dies dein Ausgangspunkt. Danach legst du zwei neutrale Töne fest, die gut kombinierbar sind – Crème, Weiß und Grau als Beispiel. Da in keiner Garderobe Akzente fehlen sollten, kannst du abschließend dein Farbsystem beispielsweise mit Rot komplettieren. Beachte: Das alles ist als Orientierungshilfe gedacht: Erst die Basisfarbe, dann 2 neutrale Farben und eine Akzentfarbe. Wenn du eine andere Idee für deine Kapsel-Garderobe hast, ist das völlig ok.

► Schritt 4: Konzept entwickeln & Basics sowie Specials definieren

Spätestens jetzt wird es konkret. Nach Bestandsaufnahme und Farbkonzept geht es daran, die einzelnen Pieces für den saisonalen Kleiderschrank festzulegen. Keine ganz einfache Sache. Rufen wir uns noch einmal das A und O einer Capsule Wardrobe ins Gedächtnis: Alles sollte möglichst mit allem kombinierbar sein.

Aus diese Weise ergibt sich automatisch eine gewisse Logik: Erst Basics aussuchen, welche das ganze Jahr funktionieren und diese dann mit besonderen Trend-Looks oder extravaganten Lieblingsteilen ergänzen. Abgesehen von deinen Essentials sind im Kleiderschrank immer nur die Stücke, welche zur aktuellen Jahreszeit passen.

Die Auswahl der Basics: Egal, wie extravagant, romantisch oder klassisch der persönliche Stil ist – ohne Basics funktioniert keine Garderobe. Der Auswahl der Basics als Grundlage für den Kleiderschrank ist also ziemlich wichtig. Dazu zählen an erster Stelle T-Shirts, aber für die kühle Saison genauso ein wärmender Strickpulli. Und: In jede Garderobe gehören eine gut sitzende Jeans, ein Blazer, eine Bluse für geschäftliche Anlässe und das kleine Schwarze. Mehr zum Thema findest du auch in unserem Artikel hier auf dem Blog rund um Basics. Die Grundlage für die Kapsel-Garderobe ist gelegt.

On Top – die besonderen Pieces: Wir alle haben sie – diese unverkennbar individuellen Kleidungsstücke, von denen die Freunde sagen »Das ist genau dein Style.«. Diese Statement-Pieces und besonderen Einzelstücke dürfen in der Capsule Wardrobe auf keinen Fall fehlen. Frag dich bei der Auswahl, wie oft du die extravaganteren oder auffälligen Pieces wirklich trägst. Und wie sie sich in deine »Kapsel« integrieren lassen. Es kann auch sein, dass du das eine oder andere Teil neu kaufen musst, damit deine Capsule Wardrobe im Ergänzungsprinzip funktioniert. Im Geiste der Ursprungsidee kannst du dich für Slow Fashion-Looks entscheiden.

Beispiel: Capsule Wardrobe für den Sommer

  • – Basics: T-Shirts, Hemdkleid, Printkleid, Trägerkleid, Jeans lang, Jeans-Shorts/Minirock
  • – Special: Auffälliges Maxikleid, Statement-Piece: Jumpsuit
  • – Kurze Lederjacke, Longblazer, Cardigan
  • – Für’s Office: leichter Sommeranzug
  • – Sneakers, Sandaletten, Flip Flops, Wildleder-Stiefeletten

► Schritt 5: Konsequenz ziehen & Shopping-Verhalten überdenken

Ist die Kapsel erstmals festgelegt, kannst du sie im Laufe der Zeit nach und nach ergänzen oder verändern – immer mit dem einen Gedanken im Hinterkopf: Wie kann ich nachhaltiger werden? Ein Faktor dabei ist, weniger auf kurzlebige Trends als auf bewährte Klassiker zu setzen.

So wird sich im Laufe der Zeit deine Capsule Wardrobe für jede Jahreszeit immer weiter verfestigen. Sicherlich merkt man erst, nachdem man jede Saison einmal durchlaufen hat, was in der Kapsel noch fehlt und was eine sinnvolle Ergänzung darstellt, die noch mehr Kombinationsspielräume eröffnet.

Challenge accepted: Bist du dabei?

Seien wir ehrlich: Die Idee mit der Capsule Wardrobe ist ohne Frage ein Erste-Welt-Problem. Dessen sollten wir uns klar sein. Wir haben die Wahl, uns für weniger zu entscheiden. Und dadurch einen kleinen Beitrag zu leisten. So kann man den Wunsch, sich eine reduzierte Capsule Wardrobe zusammenzustellen, zunächst als spielerisches Experiment betrachten. Frei nach dem Motto: Alles kann. Nichts muss. Wer sich dem Gedanken von Nachhaltigkeit und bewussterem Umgang mit Mode verschreibt, hat ohnehin ein starkes Motiv, sich zu reduzieren. Den Ressourcen zur Liebe und als Kontrapunkt zur unfairen Fast Fashion. Und dabei springt ja auch noch der Nebeneffekt heraus, sich selbst wieder klarer zu werden, was einem eigentlich steht. Und wie man sich modemäßig ausdrücken möchte. Das vergessen wir nur allzu leicht bei all den spontan getätigten Zufallskäufen, welche unweigerlich zu der ein oder anderen Schrankleiche führen. Also, warum nicht einfach mal ausprobieren?

Wie findest du das Konzept? Glaubst du daran, dass es die Modewelt verändern kann? Ist es etwas, was du ausprobieren möchtest? Schreib mir einfach und lass uns ins Gespräch kommen! 

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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