Jan 22, 2021

Neue Weiblichkeit & Eskapismus. Fashion-Retrospektive der 30er Jahre.

»Der jungenhafte Look ist out. Versuche die Essenz der Romantik am Abend zu sein.«
Vogue, März 1938.

 

Die 30er Jahre waren ein turbulentes Jahrzehnt: 1929 fanden mit dem Börsencrash an der Wall Street die Goldenen Twenties ein abruptes Ende. Die Zeit der wilden Flapper war vorbei. Die Weltwirtschaftskrise war nicht mehr abzuwenden. Massenarbeitslosigkeit, hohe Unzufriedenheit sowie politische Unsicherheit ebneten schließlich den Weg für die Machtergreifung der Nationalsozialisten, welche Deutschland bis 1939 auf den Zweiten Weltkrieg zusteuerten.

Mode als Spiegel der Zeit: Neues Frauenbild – elegante Weiblichkeit, feminine Silhouetten.

Diese politischen wie gesellschaftlichen Umbrüche veränderten auch die Mode. Und zwar zunächst überraschend kreativ, bis sie dann in den Kriegsjahren völlig zum Erliegen kann. Zu den starken Strömungen der Dekade zählten Art déco und Kubismus. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise galt zwangsläufig »weniger ist mehr«. Dies zeigte sich vor allem in der Haute Couture. Kollektionen wurden reduziert, statt auf edle Verzierungen legte man Wert auf Silhouette und hochwertige Stoffe. Dabei blieb Paris tonangebend. Auch Hollywood hatte Einfluss auf die Styles – nicht umsonst werden die 30ies als »das goldene Zeitalter Hollywoods« bezeichnet. Man liebte das Kino, das zumindest kurz die Flucht aus dem bitteren Alltag ermöglichte, und stylte die glamourösen Roben der Stars nach. Die großen Stilikonen der Zeit waren Greta Garbo, Marlene Dietrich und Jean Harlow.

Das androgyne Frauenbild der Roaring Twenties war passé. Und damit auch die geraden Schnitte. Die elegante Dame wurde zum gewünschten Stil-Ideal. Eine wieder erstarkte Betonung der Weiblichkeit hielt Einzug in die Looks. Obwohl das Körperideal nach wie vor schlank und vor allem groß war, wurde die Mode figurbetonter. Der Fokus lag dabei auf der Taille, die frei akzentuiert wurde und damit visuell lange Beine zauberte. Typisch für die frühen 30er Jahre ist eine langgezogene, schmale Silhouette. Dieser Eindruck wurde bei den glamourösen Abendkleidern aus weichen, fließenden Stoffen mit tiefem Rückenausschnitt durch den typischen Schrägschnitt noch unterstrichen. Beim Night-out wollte man beim Sound der Big Bands, die Louis Armstrong, Billie Holiday, Frank Sinatra spielten, einfach alle Probleme vergessen. Ausgehend von Paris wurden seit der Mitte der Dekade schließlich die Schultern stärker betont, nach und nach wurde die Linie etwas strenger. Für die Männer änderte sich im Vergleich zu den 20ies wenig. Nach wie vor waren alltagstaugliche Anzüge »in«, die aber insgesamt etwas lässiger wurden: So ergänzte der trendaffine Mann eine weite Hose mit einer engen Jacke plus Zylinder oder Filzhut.

Die typischen Looks – Glamour und auch schlichte Eleganz.

► Godet-Rock

Die bekannte Rockform der 30er Jahre reichte erst bis unters Knie, später bis zur Wadenmitte. Unten fällt der Godet-Rock glockig weit, wohingegen er an der Hüfte extrem figurbetont sitzt. So entstehen sehr feminine Silhouetten. Um die Taille zusätzlich zu betonen, ergänzte man den Rock mit einem Gürtel. Die hohe Taille und der schmale Schnitt zauberten lange Beine und bedienten so das gängige Schönheitsideal.

► Rock-Bluse-Duo

Zu den beliebtesten Alltags-Trends zählte die Kombination aus Rock und hochgeschlossener Bluse mit enganliegenden Ärmeln. Trotz wieder erstarkter Femininität blieben die Dekolletés verdeckt.

► Kostüm

Ein enganliegender Godet-Rock mit einer taillierten Jacke wurde zur eleganten und gehobenen Alltags-Kleidung.

► Bolero

Ganz neu auf den Laufstegen war der Bolero. Die kurze, rundgeschnittene Jacke war in Kombination mit einer weiten Marlene-Hose besonders beliebt. Auch der Godet-Rock wurde gern zum Bolero getragen.

► Prinzesskleid

Die populärste Kleiderform in den 30er Jahren war das Prinzesskleid. Dieses lange schmale Kleid mit der typischen Längsnaht am Vorder- und Rückenteil betonte vorteilhaft die Silhouette.

► Abendkleider

Pure Eleganz – die eleganten Roben reichten meist bis zum Boden und waren mit hoher Empire-Taille versehen. Gefertigt wurden die Looks aus weich fließenden Stoffen wie Seide oder Tüll. Die Ausschnitte waren insgesamt dezent und wurden meist noch mit Spitzeneinsätzen kaschiert.

► Betonung der Schultern

Die Schultern als Statement – im Laufe der 30er war es en vogue, den weichen Silhouetten wieder etwas mehr Kante zu verleihen. Schulterpolster betonten die Schulterpartie, welche die Designer zusätzlich mit Accessoires schmückten und damit noch prätentiöser machten.

► Nicht zu vergessen: das Dirndl

Wer hätte es gewusst? Um 1930 erfuhr das Dirndl einen regelrechten Hype. Populär wurde das Dirndl durch die Operette »Im weißen Rössl« und nicht zuletzt durch die Städterinnen, welche zur Erholung in die Berge fuhren. Sie waren von den Trachten-Looks begeistert und kauften sich entsprechend Kleider mit Trachtenelementen oder sehr edle Dirndl. Auch in den USA sorgte der Dirndl-Trend für Furore.


Must-haves: Die Accessoires

► Pelz/Pelzstola

Der »Fuchs« um die Schultern gehörte zum typischen Streetstyle – und das nicht nur im Winter. Pelz vervollständigte de facto jedes Outfit ¬– abends dann als Stola – und verströmte aus damaliger Sicht einen Hauch von Luxus in einer wirtschaftlich schweren Zeit.

► Perlenkette

Für den letzten Schliff eines eleganten Gesamtensembles durfte die Perlenkette nicht fehlen. Auch sie symbolisierte Wohlstand und edlen Chic.

► Hut

Auffällig designte Hüte mit Federn und Broschen – so ließ man sich gern sehen. Dabei waren schmale Tellerhüte mit oder ohne Spitzenschleier gleichermaßen begehrt.

► Nylon/Perlon-Strumpfhosen

Mit der Erfindung von Nylon erlebte die Feinstrumpfhose einen Hype. Durchsichtige Strumpfwaren machten Knöcheln, Fesseln sowie das ganze Bein zum Blickfang.

► Style & Make-up

Die Haare trug man wieder länger und stylte sie zu kunstvollen Wellenfrisuren, am Besten im angesagten Blond. Beim Make-up lag der Schwerpunkt auf der Betonung der Augen. Intensiv getuschte Wimpern und Lidschatten intensivierten den Blick. Besonders charakteristisch sind die besonders schmalen Augenbrauen. Viele Frauen rasierten die natürlichen Brauen vollständig weg, um sie dann als schmalen Halbmond nachzuzeichnen.

Dein 30ies Style – Do’s & Don’ts.

Do’s

• Prinzesskleid, Marlenehose plus Bluse, Godet-Rock plus Bolero
• Nylon-, Perlon-Strumpfhose
• Taille zusätzlich mit einem Gürtel betonen
• Add on: Hütchen mit Schleier, kleine Tasche
• Porzellan-Teint, Lidschatten bis zur Braue, falsche Wimpern & voller Kussmund

Don’ts

• Keine geraden Schnitte, keine A-Linien
• Keine weiten Maxiröcke
• Keine tiefen Dekolletés
• Beine nicht optisch verkürzen

Ist das dein Style? Dann viel Spaß beim Zusammenstellen deines 30ies Outfits.

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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