Apr 22, 2016

Girls, Girls, Girls – Mode und Frauenbilder

Aktualisiert am 5. Oktober 2017

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Fashion als Befreiungsschlag

Vielleicht kennt ihr die folgende Szene? Coco Chanel greift zur Schere und näht die Hosen ihres betuchten Liebhabers um – zu bequemer Kleidung für Frauen. Diese Sequenz aus dem Film „Coco avant Chanel“ ist ein dramaturgischer Kniff der Regisseurin Anne Fontaine, der viel über die Person Coco Chanel sagt. Und noch mehr über das 20. Jahrhundert.

Denn eine der lebendigsten Bewegungen des 20. Jahrhunderts war der Kampf der Frauen für gesellschaftliche und rechtliche Emanzipation. Berühmte Feministinnen wie Jane Addams und Simone des Beauvoir gaben der Bewegung ihre Stimme. Durch das Engagement von Frauenrechtlerinnen wurde das Frauenwahlrecht in Großbritannien, in den USA und in weiten Teilen der Welt gesetzlich festgeschrieben. Patriarchalische Gesellschaftsvorstellungen bröckelten immer mehr. Auch in Politik und Wirtschaft, wo Rosa Luxemburg und Marie Curie Pionierarbeit leisteten. Während der Weltkriege managten Frauen an der Heimatfront das Leben – und erhofften sich folglich Akzeptanz in der Arbeitswelt. Ein langer Weg war beschritten, der allerdings erst am Anfang stand. Und Mode spielte dabei immer wieder eine bedeutende Rolle.

Mode – eine Form von Emanzipation?

Mode bewegt sich seit jeher am Puls der Zeit, spiegelt aktuelle Haltungen und greift gesellschaftliche Veränderungen auf. Heute wie damals. Kein Wunder also, dass Mode auch die emanzipatorische Botschaft transportiert hat. Schon auf den ersten Blick findet man viele Beispiele.

Den Anfang machte Coco Chanel. Sie ebnete den Weg für Styles, die den weiblichen Körper nicht länger einengten. Die sog. “Working Girls” trugen die Arbeitsklamotten der Männer. Bianca Jagger tauschte das traditionelle Brautkleid gegen einen weißen Hosenanzug. Die Suffragetten – Frauen aus dem Bürgertum, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht einsetzten – hatten als Markenzeichen Kleidung in speziellen Farben. Aber der Reihe nach.

Ein guter Stoff für Freiheit: Coco Chanel’s Beitrag zur Frauenbewegung

Kleidung als Ausdruck von Selbstbestimmung – so sah Coco Chanel Fashion. Als eine der bedeutendsten Mode-Ikonen des 20. Jahrhunderts wurde sie nicht nur für das „kleine Schwarze“ berühmt und gründete eines der größten Unternehmen der Branche. Sondern trug auch einiges zur Befreiung der Frauen bei. Ganz konkret.

Denn Coco Chanel revolutionierte die Mode der Jahrhundertwende. Erinnert ihr euch? Hohe Brust, stark betontes Hinterteil, bodenlange Kleider und vor allem die eingeschnürte Taille – Silhouetten also, die nur durch das Korsett möglich waren. Die enge Schnürung nahm nicht nur im übertragenen Sinn den Frauen den Atem und die Bewegungsfreiheit.

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Kein Wunder, dass die Damen um 1915 so schlecht gelaunt in die Kamera schauen – so ein Korsett schnürrt ganz schön ein…

Das änderte die Modeschöpferin Chanel. Wie ihr Kollege Paul Poiret bereits 1906 schaffte sie das Korsett ab. Dafür etablierte sie knielange Röcke und bequeme Damenlooks aus Jersey. Aus Fashionsicht war Jersey eine Revolution. Denn das fließende Material engte den Körper nicht ein und bildete damit einen Gegenpol zum Diktat der genormten Silhouette.

Übrigens wurde Coco Chanel erst viel später – nämlich in den 50er Jahren – mit ihrem Comeback und dem legendären Chanel Kostüm berühmt. Sie selbst lebte als berufstätige Frau, die sich aus ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet hatte, mit wechselnden Beziehungen und ohne Kinder das neue Frauenbild.

Coco Chanel - die Grande Dame der Mode im Alter von 86 Jahren (1970)

Coco Chanel – die Grande Dame der Mode im Alter von 86 Jahren (1970)

Ihre Looks waren ästhetisch, bequem und zweckmäßig zugleich – sie bevorzugte schlichte, klare Linien und die Farben Schwarz und Weiß. Als sportbegeisterte Reiterin trug sie gern Jockey-Hose und Hemdbluse – vielleicht ihre persönliche Inspiration für ihre schlichten Entwürfe in einer Zeit, in der ausladende Hüte en vogue waren.

Mit eigenem Kopf – Mode der 20er Jahre und die befreite Weiblichkeit

Ohne Frage war Coco Chanel das Stilvorbild der 20er Jahre – sie befreite die Frauen endgültig vom Korsett. In dieser Tradition entwickelte sich der typische Look der 20er Jahre – Federboa, Paillettenkleid und Perlenkette. Auch die kurzen Haare standen als Sinnbild für das neue Selbstverständnis. Die Frauen, die es sich finanziell leisten konnten, zeigten sich sehr selbstbewusst: Sport, Autofahren und Rauchen gehörten zum neuen Lebensstil und waren nicht mehr nur den Männern vorbehalten. Die Modeschöpfer waren kreativ: Sowohl Tages- als auch Abendkleidung orientierten sich immer an praktischen Maßstäben, zeigte sich im Detail besonders abends aber verspielt. Strass, Pailletten, Stickereien und Applikationen schmückten die Styles. Tagsüber bevorzugte man schlichtere Modelle. Statt eingeschnürt durch die Gegend zu laufen, konnte die Damenwelt sich endlich frei bewegen – ohne auf Weiblichkeit und Eleganz zu verzichten.

Wasserwellen-Bob, luftige Kleider und sich selbst bloß nicht so ernst nehmen - die Brox Sisters machen vor, was "Frau Sein" in den 20er bedeutet

Wasserwellen-Bob, luftige Kleider und sich selbst bloß nicht so ernst nehmen – die Brox Sisters machen vor, was “Frau Sein” in den 20er bedeutet


Das neue Lebensgefühl – “Garçonne”-Stil und Sportfashion

Am deutlichsten zeigte sich die fortschreitende Emanzipation am sog. “Garçonne”-Stil. Frauen kleideten sich auf spielerische Art wie Männer – mit Rock oder Hose, Hemd mit Manschettenknöpfen und weit geschnittenem Sakko. Mit Kurzhaarschnitt der perfekte Look für einen ausgelassenen Abend im Pariser Nachtclub Pigalle sowie ein modisches Statement für Rebellion und Freiheit.

Perfektionierte den Garconne-Stil: Marlene Dietrich

Perfektionierte den Garconne-Stil: Marlene Dietrich

Apropos – mit der neu gewonnenen Bewegungsfreiheit kam auch Sportmode für Frauen in die Kaufhäuser. Ski- oder Reiterhosen ersetzten den Rock. Badeanzüge, anfangs noch aus Wolle, eroberten die Sportabteilungen. Auch, wenn das Material noch nicht ideal für Wassersport war – die Zeiten, in denen Frauen voll bekleidet schwimmen mussten, waren vorbei.

Ende der goldenen Ära. Ende der Freiheit.

Der „schwarze Freitag“, der Börsen-Crash, die Weltwirtschaftskrise und der zweite Weltkrieg setzen auch der Emanzipationsbewegung ein Ende. Und brachten eine rückwärtsgewandte Entwicklung auf den Weg: Im Jahr 1929 lehnte beispielsweise der französische Senat die Einführung des Frauenwahlrechts ab. Dieses wurde in Frankreich erst 1944 eingeführt. Was von allen Anstrengungen zunächst übrig blieb, war lediglich der modische Befreiungsschlag: der Verzicht aufs Korsett.

Die 50er Jahre – der lange Weg zur Gleichstellung

“Männer und Frauen sind gleichberechtigt.” – so steht es seit 1949 im Grundgesetz. Doch die Realität zu Beginn der 50er Jahre war eine andere. Mit der Hochzeit verloren Frauen nicht nur ihren Nachnamen, sondern auch das Recht, über wesentliche Dinge zu entscheiden. So konnten Ehemänner den Job der Frau kündigen und ihr Vermögen verwalten. Wollte eine Frau den Führerschein machen, brauchte sie die Erlaubnis ihres Mannes.

Genau das konnte man auch an der Mode erkennen – die Damenmode der 50er zeigte sich züchtig, anmutig und adrett. Das Leben der Frau war auf Hausfrau und Mutter reduziert. Sie war gesetzlich verpflichtet, den Haushalt zu führen. Tagsüber hielt sie alles in Ordnung, abends wartete sie auf die Rückkehr des Mannes. Wadenlange Röcke, eine betonte Taille und enge Oberteile sorgten für eine feminin-zierliche Figur. Petticoats unter den Tellerröcken gaben den Hüften noch mehr Volumen und betonten zusätzlich die Taille, ärmellose Oberteile mit eingearbeiteten Korsagen zauberten eine weibliche Linie – zusätzlich betont durch einen elastischen Taillengürtel. Später in den 50ern setzte sich das Hängekleid durch.

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Adrett & hochgeschlossen zu Anfang der 50er

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Audrey Hepburn im typischen 50s-Look: Halstuch, Bluse und Petticoat

Moderevolution in den 60ern – Twiggy und der Minirock

1958 fiel das „Letztentscheidungsrecht“ des Mannes, die starren gesellschaftlichen Normen der Nachkriegsjahre brachen auf und konsequent bahnte sich auch modisch eine Revolution an: der Minirock. Die Kreation der englischen Modeschöpferin Mary Quant endete mindestens 10 cm über dem Knie. Skandalös aus Sicht der älteren Generation – und Ausdruck des Protests der jungen Frauen gegen das festgelegte Rollenbild. Sie befreiten sich von dem Dogma, immer adrett aussehen zu müssen.

Ab jetzt zeigten Kleider und Röcke auch keine Hüfte mehr. Das neue Schönheitsideal – schlank und androgyn – wurde durch das britische Modell Twiggy verkörpert. Passend zu den kurzen Röcken kam die Strumpfhose auf den Markt und löste die unbequemen und unhandlichen Strumpfbänder ab. Der Siegeszug des Minirocks war nicht mehr aufzuhalten – er wurde zum Verkaufsschlager der 60er und 70er Jahre. Mitte der 60er Jahre etablierten sich langsam auch Hosen – und doch wurde Frauen mit langen Beinkleidern noch bis 1970 der Zutritt zu Luxushotels untersagt.

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Minikleid, Strumpfhose, lange Haare, Pony, Haarband und bloß keine High Heels – der klassische 60er-Look

Anything goes – die 70er machen endgültig Schluss mit Klischees

Am Anfang der 70er Jahre war es dann so weit. Im Zuge der Hippiezeit bekam auch der Wunsch nach Gleichberechtigung wieder Aufwind. Die französische Frauenbewegung und Alice Schwarzer kämpften medienwirksam für die Selbstbestimmung der Frau. Erst seit 1977 sind Frauen nicht mehr per Gesetz dazu verpflichtet, den Haushalt zu führen.

Weite Hosen, Röcke und Kleider, farbenprächtige Prints, Kopfbänder und bunte Brillen – die Mode war so vielfältig und voller Möglichkeiten wie nie zuvor. Und spiegelte damit die ambivalenten Jahre voller unterschiedlicher Strömungen und mit Vietnam, Watergate sowie der RAF. Im Vergleich zu den taillenlosen Silhouetten der Sechziger unterstrichen Frauen teilweise wieder ihre Weiblichkeit. Hochgeschnittene Hosen oder bauchfreie Tops betonten die Körpermitte. Oder sie hüllten sich in fließende, fantasievoll bedruckte Maxikleider. Alles war möglich. In jeder Hinsicht. Darauf antworteten fashionmäßig die 80er mit Minimalismus.

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Anything goes – die 70er waren eine modische Traumdekade für Individualisten

Fashion heute – Spiel mit den Möglichkeiten

Die Geschichte zeigt: Mode hat immer Chancen geschaffen. Mutige Fashion-Pioniere haben sich nicht nur für Freiheit und Individualität eingesetzt, sondern diese mit ihren Kreationen und Ideen auch lebendig, sichtbar und vor allem tragbar gemacht. Heute sind Frauen in Hosenanzügen längst kein Skandal mehr, sondern voll im Trend. Und die Entwicklung geht weiter: Boyfriend Cuts für Frauen verschieben aktuell sogar die Geschlechtergrenzen. Feminine Styles existieren neben burschikosen, coolen oder klassischen Looks. Erlaubt ist, was gefällt. Für uns ist Mode heute Ausdruck von Individualität, Persönlichkeit und Wahlfreiheit – dem Kern des Themas Emanzipation.

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Fotos: Korsette, Coco Chanel, Borx Sisters, Marlene Dietrich, Bobby, Audrey Hepburn alle gemeinfrei; 70er Jahre by Mike Powell CC 2.0, via Wikipedia

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Meine Liebe zu Mode und Kommunikation hat mich zu Ana Alcazar gebracht – als Texterin & Konzepterin in der klassischen Werbung groß geworden, schreibe ich seit fast 10 Jahren für unser Münchner Designerlabel. Im Redaktionsteam bin ich für alle Corporate-Themen zuständig, außerdem befasse ich mich hier mit aktuellen Trends & meinem Herzensthema Gleichberechtigung,

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