Sep 17, 2018

Die unterdrückende Macht der Mode

Emanzipation und Mode stehen traditionell in einem Spannungsverhältnis. Aus feministischer Perspektive unterstützt die Kleidung vielfach die Vorstellung vom “schwachen Geschlecht”: Schmale Röcke verhindern große Schritte – also im übertragenen Sinne das Vorwärtskommen. Hohe Schuhe machen den Gang unsicherer, enge Kleider heben die sekundären Geschlechtsmerkmale hervor und stilisieren die Frau damit zum Weibchen und Objekt. Was heute subtiler wirkt und durchaus kontrovers diskutiert wird, war früher noch offensichtlicher. Lasst uns mal zurückblicken.

Korsett, Reifröcke und Lotusfüße – die Frau als hilfloses Geschöpf

Betrachtet man zum Beispiel die lange Geschichte des Korsetts, wird deutlich, dass die Idee, den weiblichen Körper in eine gewünschte Form zu modellieren, schon bei den alten Griechen gang und gäbe war. Dem Korsett haftet bis heute die Aura von „Unterdrückung“ an – die teilweise extrem engen Schnürungen führten bei jeder Bewegung zur Ohnmacht, weshalb Frauen ein Fläschchen Ammoniak bei sich trugen. Kaiserin Sissi von Österreich soll – so wird kolportiert – ihre Taille auf einen Umfang von 45 cm zusammengeschnürt haben

Es waren mehrere Faktoren, die schließlich für die Abschaffung des Korsetts sorgten: Zum einen setzten sich die aufkommenden Frauenrechtsbewegungen im 19. Jahrhundert zunehmend für eine Befreiung der Frauen – auch aus dem symbolhaften „Käfig Korsett“ ein. Zum anderen mussten ab 1914 auch bürgerliche Frauen am Fließband arbeiten, während ihre Männer im Krieg waren. Designer wie Paul Poiret und später Coco Chanel griffen diese Strömungen und Entwicklungen auf und befreiten mit ihren Kollektionen Frauen endgültig von dem bewegungshemmenden Kleidungsstück.

Auch der Reifrock, der im 15. Jahrhundert in Spanien als „Tugendwächter“ aufkam, hielt sich nachhaltig. Er erlebte im  19. Jahrhundert eine Renaissance. Dabei kosteten die riesigen Gestelle vielen Frauen beim Ankleiden nicht nur Zeit und Nerven, sondern manchmal sogar das Leben. Nämlich dann, wenn die gewaltigen Kleider in Brand geraten waren oder sich bei Unfällen in Kutschrädern oder Maschinen verfingen. Im Alltag wurde durch das unhandliche Gestell jede Treppe zu einem schier unüberwinderbaren Hindernis. Die Krinoline, wie der Reifrock aus Federstahlbändern genannt wurde, formte zusammen mit dem Korsett eine weibliche Silhouette, die jahrzehntelang in allen gesellschaftlichen Schichten die Norm war und weite Verbreitung fand.

Noch schlimmer, fast tausende Jahre lang grausame Tradition und nichts als pure Gewalt war das sogenannte Füßeeinbinden in China. In Wahrheit nichts anderes als eine Verkrüppelung. Im Alter von drei bis vier Jahren wurden Mädchen die Füße meist von Familienmitgliedern gebrochen und gebunden. So sollten sie klein und zierlich bleiben und damit einem Schönheitsideal – dem sog. Lotusfuß – entsprechen. Für ein vermeintlich schöneres Aussehen wurde in Kauf genommen, dass die Mädchen mit dieser Art Klumpfuß nicht mehr richtig laufen konnten. Man fragt sich, wo der Reiz der Lotusfüße liegen sollte? Und die Antwort ist schnell gefunden: Dies sollte einen guten Ehemann sichern. Die Schmerzen, welche die Frauen beim Laufen hatten, schränkten sie in ihrem Bewegungsradius massiv ein. So waren sie in dieser Unselbstständigkeit stark vom Mann abhängig. Diese Hilflosigkeit sollte einen Beschützerinstinkt im potenziellen Ehemann wecken, der sich der unselbstständigen Frau annehmen konnte. Ein furchtbares Frauenbild, das die Frau zum Anhängsel des Mannes degradiert und uns heute, zumindest in unseren Breiten, sehr abstößt. Erst 1949, unter Mao Zedong, wurde die Praxis offiziell verboten. Dann dauerte es aber noch eine Zeit, bis auch wirklich alle darauf verzichteten.

Der weibliche Körper als Symbol für gesellschaftliche Unterdrückung

Was fällt bei alledem auf: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Körper der Frau und ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung. Will heißen: Das „Kleinhalten“ oder „Nicht-Vorwärtskommen-Lassen-Wollen“ zeigt sich häufig auch in der Begrenzung oder Einschränkung des Körpers der Frau, die dann als Tradition oder Mode daherkommt. Betrachtet man die Geschichte von Herrschaftsverhältnissen, zeigt sich dabei über Jahrhunderte hinweg das männliche Interesse, Frauen, Körper und Natur zu kontrollieren und zu beherrschen. Greifbar wird das dann am Körper der Frau und der Art, wie sie ihn – normgerecht – zu kleiden hat.

Inzwischen haben wir den Reifrock, das Korsett und die Lotusfüße hinter uns gelassen. Aber inwieweit stehen wir auch heute noch in dieser Tradition der Unterdrückung oder zumindest der Benachteiligung von Frauen? Zeigt sich diese heute einfach nur anders? Lassen sich vergleichbare Muster finden?

Schlank und jung – das Diktat der Körperideale

 Jede Zeit hat ihr Schönheitsideal. Im Moment gelten ein Schlankheits-,  Jugendlichkeits- und Fitnesswahn und es lässt sich eine zunehmende Expansion der Schönheitschirurgie beobachten. Idealvorstellungen über das eigene Erscheinungsbild haben einen hohen Stellenwert und viele versuchen, diesen zu entsprechen. Femininere Figurtypen wie Kim Kardashian erfahren genauso hohen Zuspruch, für mich ist das aber ein und dieselbe Bewegung – nämlich die starke Fokussierung auf ein festgelegtes Körperbild, das auf der aktuellen Fitnesswelle surft.

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My fave beach pose

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Aber – und das will ich nicht unerwähnt lassen – es gibt auch eine gewisse Gegenbewegung: Zunehmend reagieren vor allem Modelagenturen auf eine gesteigerte Nachfrage an Durchschnittstypen und richten neben den Karteien mit den perfekten Schönheiten sog. People-Karteien ein – das sind Sedcards von Menschen wie du und ich. Die stärkere Nachfrage nach Normalos, Charaktergesichtern und Individualisten – gerade für Werbefilmdrehs – steigt immer mehr. Vielleicht kann man das als Gegenbewegung zu dem Beauty- und Perfektionismus-Kult lesen, der durch die Macht der Bilderindustrie immer mehr verstärkt wird. Letztlich haben sich aber Schönheitsideale mit der Zeit immer schon verändert – es gab die S-Form, die H-Form, die V-Form, Sanduhr-Figuren – aber auf den Punkt gedacht ging immer um das Gleiche: um eine Idealvorstellung, wie die Linie oder Silhouette der Frau auszusehen hat. Und diese Bilder werden häufig von Männern definiert, worin sich wieder die patriarchalen Strukturen zeigen. Auch, wenn jeder Trend einen Gegentrend hervorbringt, jedes Ideal seine Avantgarde – Fakt ist: Schlank gilt aktuell als schön. Das führt dazu, dass viele Frauen alles tun, um diesem Bild zu entsprechen. Schon junge Mädchen kontrollieren ihr Gewicht und vergleichen ständig ihr Aussehen. Dazu habe ich ein sehr schönes Zitat gelesen, das die Gemeinschaft der Frauen stärken will und dazu aufruft, die eigene Haltung zu ändern.

Die Rolle der Mode – Vehikel für ganz verschiedene Haltungen

 Unterdrückung, das ist leider wahr, findet oft eine Ausprägung in der Mode. Wie genau aber trägt die Mode zur Unterdrückung von Frauen bei? Inwieweit ist sie probates Mittel, um patriarchalisch geprägte Machtverhältnisse zu zementieren? Ich frage mich, ob Mode nicht vielleicht auch für das Gegenteil stehen kann – nämlich für Selbstbestimmung und Befreiung?

Beschäftigt man sich intensiver mit der Debatte, stellt man fest, dass Mode zumindest heute für alle möglichen Zwecke instrumentalisiert werden kann. Hören wir mal Yves Saint Laurent zu: „Chanel schenkte den Frauen die Freiheit, ich konnte ihnen die Macht geben.“ Was meint der damit? Der Designer schickte seine Models Anfang der 60er Jahre ohne BH in transparenten Blusen über den Laufsteg und entwarf den ersten Smoking für die Frau – für viele ein Symbol der Selbstbestimmung, da Anzüge für Handlungsfähigkeit und Macht stehen. Ganz anders im Erscheinungsbild, aber auch ein Symbol der Befreiung: Der Minirock, der Mitte der 60er Jahre Ausdruck eines neuen Lebensgefühls war. Frauen emanzipierten sich von dem Zwang, immer adrett aussehen zu müssen. Dabei sorgte der Rock nicht nur für mehr Beinfreiheit, sondern er stand allgemein für die stärkere Expansion, das Vorwärtskommen und das Sich-auf-die-eigenen-Füße-stellen von Frauen.

Wenn ich weiter zurück denke, fallen mir die Suffragetten ein, die Frauenrechtlerinnen mit ihren weißen, weiten Röcken und Blusen, die sich für das Wahlrecht der Frauen einsetzten. Und mit ihrem Look Kleidung zum politischen Symbol machten. Noch im 19. Jahrhundert waren hosentragende Frauen verpönt. Als Amelia Bloomer, die Herausgeberin des feministischen Magazins „The Lily“ im Jahr 1851 öffentlich eine Hose trug, war das ein riesiger Skandal. Mode spielt – soviel ist sicher – ein große Rolle, wenn es darum geht, Machtstrukturen abzubilden. Und eben auch, wenn es darum geht, diese aufzubrechen.

Daran entzündet sich auch die Kopftuch-Debatte: Passt der Schleier in unsere westliche Gesellschaft? Sind Burka und Nikab Ausdruck der Selbstbestimmung der Frauen oder Unterdrückungswerkzeuge? Wie sollen wir damit umgehen? Verbieten oder nicht?

Ende gut, alles gut? Die feministische Auseinandersetzung mit Mode

Mode ist ein Medium, dem sich niemand entziehen kann. Die feministische Auseinandersetzung richtet sich vor allem und – völlig zurecht – gegen die Konstruktion von Körperbildern. Also, eben dem Phänomen, dass Frau einem bestimmten Bild entsprechen soll.

Deswegen setzten in der Zeit als Feminismus als soziale Bewegung groß wurde, Frauenrechtlerinnen demonstrativ auf nicht einengende, bequeme Kleidungsstücke wie die lila Latzhose, verzichteten auf BHs und trugen Gesundheitsschuhe. Letztlich etablierten sie für ihre Haltung also einen Casual- oder Öko-Look, der ja damals übrigens auch zum Trend wurde! Aussage dieses Stils war es, sich nicht einengen zu lassen und sich nicht als Objekt auszustellen. Also eine bewusste und radikale Abkehr von patriarchalisch geprägten Bildern des Weiblichen. Das ist mittlerweile aber nur eine Variante von vielen. Schaut man sich die Kollektionen von Dior an, liegt meiner Meinung nach auch darin eine feministische Aussage: nämlich die der Wahlfreiheit. Unterschiedliche Rocklängen, High Heels und Sneakers finden sich neben Looks, die viel oder eben auch wenig Haut zeigen.

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Es gibt heute viele Feministinnen, die Freude daran haben, ihren Körper durch Mode spielerisch in Szene zu setzen, wie zum Beispiel Fashion-Bloggerin und Feministin Nike van Dinther oder Teresa Bücker. Das heißt ja letztlich nichts anderes, als das genau das getragen und gelebt wird, was gefällt. Frei von Zwängen und Beschränkungen oder dem Wunsch, einem Bild zu entsprechen oder sich mit einer bestimmten „Uniformierung“ demonstrativ abzugrenzen. Individualität hat beim Feminismus Einzug gehalten. Und in der Mode. Denn zu keiner Zeit haben so viele unterschiedliche Strömungen und Stile nebeneinander existiert als heute. Auch finde ich es eine sehr gute Nachricht, dass sich Luxusmarken mit den Statement-Shirts à la „We should all be feminists“ den Feminismus auf die Fahne schreiben – so kontrovers man auch darüber wieder diskutieren kann, Mode fungiert auf diese Weise als Sprachrohr für die Gleichstellung von Mann und Frau.

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Es ist noch ein langer Weg ist, bis wirkliche Gleichstellung zwischen den Geschlechtern durchgesetzt ist. Auch in der Debatte gibt es teilweise sehr unterschiedliche Positionen. Mode kann für den Feminismus einen positiven Beitrag leisten. Nämlich dann, wenn sie sich auf die Seite der Wahlfreiheit und der Vielfalt schlägt.

Wie bewertet ihr das Verhältnis von Mode und Macht? Kann Mode dazu beitragen, etwas zum Positiven zu verändern? Wie stark empfindet ihr Trends als Zwang? Schreibt gern ein Statement in die Kommentare. Ich freue mich auf eure Meinungen.

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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