Feb 6, 2024

Mode – weg von Fast Fashion hin zu wirklich funktionierenden Kreislaufmodellen

Das Problem der Überproduktion und wie Ana Alcazar es löst

Es ist ein offenes Geheimnis: Überproduktion gilt als eine der schwierigsten und am meisten diskutierten Herausforderungen in der zunehmend um Nachhaltigkeit bemühten Modebranche. Klassische Fast Fashion-Labels bieten bis zu 24 Kollektionen pro Jahr an. Das, was nicht im Sale verkauft werden kann, endet meist als Textilmüll. Textilmüll, der verschreddert oder verbrannt wird. Doch selbst engagierte Labels, welche darum kämpfen, ihren ökologischen Footprint zu reduzieren, können in die Situation geraten, zu viel produziert zu haben. Denn auch bei vorausschauender Planung ist das Kaufverhalten der Kundinnen und Kunden nicht immer präzise vorhersehbar. Was also tun mit unverkauften Lagerbeständen?

 

Die harten Fakten

  • ► Neue Kleidungsstücke, die jährlich in Deutschland vernichtet werden: 230 Millionen
  • ► Anteil von Textilien am weltweiten Abfallaufkommen: knapp 5 Prozent
  • ► Anteil der Textilindustrie an den weltweiten CO2-Emissionen: 8–10 Prozent
  • ► Prognose für den Emissions-Ausstoß der Modebranche bis 2030: ca. 2,7 Milliarden Tonnen/Jahr CO2
  • ► Menge, welche die Branche für das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad maximal verantworten darf: ca. 1,1 Milliarden Tonnen/Jahr CO2
  • ► Industrielle Wassernutzung für die Herstellung von Kleidern und Schuhen weltweit: 10 Prozent

 

Fast Fashion Produktion in Dhaka / Bangladesch

Ein neues Gesetz soll jetzt Abhilfe schaffen: die EU-Ökodesign-Verordnung

Nun hat die Europäische Union die Sache in die Hand genommen und eine gewichtige Entscheidung getroffen. Im Dezember 2023 wurden im Rahmen der EU-Öko-Design Verordnung Richtlinien beschlossen, welche die Vernichtung von unverkauften Textilien und Schuhen verbieten! Hier kannst die die Pressemitteilung auf der Website der Europäischen Kommision nachlesen. Alessandra Moretti, Mitglied des Europäischen Parlamente, erklärte dazu: »Es ist an der Zeit, das Wirtschaftsmodell einer Wegwerfgesellschaft – ‚nehmen, herstellen, entsorgen‘ – zu beenden, das unserem Planeten, unserer Gesundheit und unserer Wirtschaft so schadet.«

Jetzt ist also Schluss mit dem Verbrennen von unverkauften Produkten – der für die Modebranche finanziell günstigsten Lösung! Das ist der zentrale Punkt der neuen EU-Ökodesign-Richtlinie. Die Regeln sollen eine Entwicklung anstoßen und die Industrie zwingen, sich stärker und vor allem schneller in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen. Von vornherein soll so weniger Kleidungsmüll produziert werden. Damit einher geht auch eine Offenlegungspflicht für große Unternehmen. Sie müssen zukünftig angeben, wie viele unverkaufte Artikel sie jedes Jahr wegwerfen. Für die Umsetzung der neuen Richtlinien erhalten große Unternehmen – so die geplanten Fristen – zwei Jahre Zeit, mittelständische und kleinere Unternehmen sechs Jahre. Unklar ist aktuell noch, ob das nur für Firmen gilt, die ihren Hauptsitz in der EU haben oder auch für solche, die lediglich hier tätig sein. Auch sind noch weitere Fragen offen: Was genau ist mit den in der Norm als solche bezeichneten »unverkauften Waren« und dem »Vernichten« gemeint: Schließlich hauchen Remanufacturing und Upcycling unverkauften Produkten ein zweites Leben ein – fällt diese umweltfreundliche Praxis strenggenommen unter den Vernichtungsbegriff? Oder meint dieser nur das Verbrennen als Müll? Auch begrifflich muss also noch eine intensivere Klärung erfolgen. Es gibt Nachbesserungsbedarf, um die Norm wirklich effektiv wirksam zu machen.

 

Jacke aus recycelten Materialien

 

Doch nun zum Kern: Was also tun mit der unverkauften Ware, die bald nicht mehr vernichtet werden darf? Soll sie in die ganze Welt verschifft werden? Oder als Restposten wiederverwendet? Wird die Kleidung geschreddert und downgecycelt? Genau hier wird es problematisch. Das gesetzliche Verbot ist ein guter Anfang. Denn darin steckt eine klare Handlungsaufforderung, etwas zu ändern. Aber was kann daraus folgen? Im Idealfall die lang erwünschte Entschleunigung der Industrie, oder?

 

Gründe, warum Unternehmen neue Kleider vernichten

  • ► Lagerhaltung bedeutet einen großen finanziellen Aufwand
  • ► Zu zeitintensiv und zu teuer: Retouren werden oft nicht bearbeitet, sondern gleich vernichtet
  • ► Nur ein Bruchteil wird »Second Hand« weitergenutzt
  • ► Die Realität: Die Recycling/Upcycling-Quote liegt bei 17 Prozent
  • ► Das Fast-Fashion-Modell – Überproduktion und Überkonsum – müsste komplett aufgegeben werden
  • ► Das Bekenntnis zu »Slow Fashion« fehlt
  • ► Produktions-, Handels- und Konsumseitig müsste ein grundlegender Wandel erfolgen – und zwar international
  • ► Internationale intransparente Lieferketten stehen im Weg

 

Überproduktion stoppen, Degrowth fördern

Immer kürzere Produktionszyklen, immer höhere Volumina – wann hat das alles eigentlich so richtig angefangen? Die Beschleunigung in der Modeindustrie, die bis heute anhält und zum Standard geworden ist, nahm um die Jahrtausendwende so richtig Fahrt auf. Fast Fashion wird vor allem in China und anderen asiatischen Ländern schnell und billig hergestellt und von dort aus verschifft. Niedrige Produktionskosten und kurzlebige Trends führen dazu, dass die Spirale sich immer schneller dreht und immer mehr Waren hergestellt werden. Heute wird doppelt so viel Kleidung produziert wie vor dem Jahr 2000. Doppelt soviel. Im Kern zielt die EU-Ökodesign-Verordnung darauf ab, verantwortungsbewusst zu planen. Wer gierig überproduziert, wird abgestraft. Maßvolles Wirtschaften soll nahegelegt werden und damit auch eine Verlangsamung der Produktionszyklen. Aber, wie sieht das in der Realität aus? Denn selbst nachhaltig engagierte Labels sind nicht davor gefeit, zu viel Ware zu produzieren. Ware, die dann keine Abnehmer:innen findet. Wie verfährt man also ethisch korrekt und umweltschonend mit Überproduktion oder Restware? Wenn sich etwas ändern soll, braucht es neben einer überdachten Supply Chain und neuen Produktionsmodellen auch praktikable Lösungen für Deadstock und Überproduktionen.

 

Textilabfälle


Nachhaltige Veränderung der Modebranche – aber wie?

Die Modebranche reagiert durchaus und ist schon seit längerem bemüht, ihren ökologischen Footprint zu verkleinern. Bei vielen Labels ist nachhaltigere Mode mittlerweile fester Bestandteil des Programms. Aber die Dimension des Problem erfordert nicht nur ein paar Anpassungen hie und da, sondern nichts weniger als eine ziemlich radikale Umkehr – weg von rasanten Modezyklen, hin zu Verlangsamung und ganz neuen Konzepten: Verkaufsperioden verlängern und Volumina senken.

Zementiert durch die neue Regelung ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, anders zu denken und Wandel anzuschieben. Pre-Order und On-demand-Fertigungskonzepte könnten ein Ansatz sein, um die Mengen planbarer zu machen. Künstliche Intelligenz könnte helfen, bessere Prognose-Modelle zu schaffen. Weiterhin sollten ökologische und umweltschonende Produktionsbedingungen eine faire Kreislaufwirtschaft befördern, die Schluss mit dem linearen Modell »Take, Make, Waste« der globalen Modeindustrie macht. Entsprechende Möglichkeiten bieten Weiterverkaufs-, Miet-, Recycling- und Aufarbeitungsprogramme oder Fashion Resale. Durch funktionierende nachhaltige Kreislaufmodelle könnten sich die Abfallproduktion und auch die Umweltbelastung durch die (Über-) Produktion verringern. Viele Labels führen aktuell Kreislaufmodelle ein, aber wirklich nachhaltige Ergebnisse bleiben noch aus. Als Grund wird gesehen, dass diese Neuausrichtung oft nur partiell ist, also nicht wirklich in die Geschäftsstrategie integriert. Ohne die Bemühungen abwerten zu wollen, ist das Kreislaufmodell oft nur ein politisch korrektes Sonderprojekt am Rande und deswegen zwar gut gemeint, aber im Ergebnis nicht besonders wirksam. Wirkunsvoll wäre es erst dann, wenn Umsatz und Verbrauch von Neumaterial und sonstigen Ressourcen entkoppelt werden könnten. Auch das ein langer Weg, der mit viel Konsequenz verfolgt werden muss.

Sicherlich tragen qualitativ hochwertige Kleidungsstücke dazu bei, zu entschleunigen. Denn die Tragezeit verlängert sich und diese Stoffe kann man im besten Fall selbst reparieren oder wiederverwenden. Recycelte und fair hergestellte Materialien, die biologisch abbaubar sind, helfen, natürliche und nicht-erneuerbare Ressourcen zu schonen. Dazu muss sich aber das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein vorhanden sein und Konsumgewohnheiten müssen sich ändern. Es wird viel über Nachhaltigkeit gesprochen und viele Labels engagieren sich durch ausgesuchte Ware aus recycelten Materialien oder natürlichen Stoffen. Klingt gut? Ist es auch. Aber nur für ausgesuchte Zielgruppen. Diese Labels sind in der Regel im höheren Preissegment unterwegs und deswegen nur für Kundinnen und Kunden zugänglich, die sich dieses lobenswerte Bewusstsein finanziell leisten können. Für alle anderen bleibt notgedrungen die günstigere Fast Fashion – mit dem Ergebnis, dass sich keine flächendeckende Änderung erreichen lässt.

 

 

So geht Ana Alcazar mit Überproduktion um

Uns ist es wichtig, einen Beitrag zu leisten: Faire Produktionsbedingungen und transparente Lieferketten liegen uns am Herzen und darauf lag seit Unternehmensgründung unser Augenmerk. Bewusst produzieren wir unsere qualitativ hochwertigen Kollektionen ausschließlich in Europa. Die Produktionsstätten sind meist inhabergeführte Unternehmen, welche sich den hohen EU-Standards verpflichten. Zu unserem Ethos gehört es auch, dass wir nichts wegwerfen oder vernichten. Wir achten bereits in der Planungsphase jeder Kollektion darauf, begrenzte Stückzahlen zu produzieren. Auch wenn die Nachfrage deutlich höher ist, fertigen wir jedes Kollektionsteil nur in einer limitierten Anzahl. Um etwaigen Überschuss weitergeben zu können, haben wir uns bereits früh ein Netzwerk aufgebaut. So spenden wir regelmäßig alle Kollektionsteile, die nicht verkauft wurden, an ein Münchner Frauenhaus – und schonen damit nicht nur unsere Umwelt, sondern schenken gleichzeitig ein bisschen Trost und Zuversicht.

 

Resale, Reuse oder Recycling reichen nicht aus – es braucht einen Systemwechsel

Es ist kompliziert – denn egal, welchen der vielen langen Wege man einschlägt, eines ist gewiss: Die eigentliche Menge der Textilien, die produziert werden, muss verringert werden. Durch die Fast Fashion-typische Massenproduktion von Ware in minderwertiger Qualität füllen sich die Mülldeponien. Der Ausweg? Produktionszyklen müssen verlangsamt werden und Kleidung auf Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit ausgerichtet werden – also, es muss von vornherein in höherer Qualität gefertigt werden. Und noch gewichtiger: Um all das zu akzeptieren und mitzutragen, braucht es einen gesellschaflichen Bewusstseinswandel bei allen Verbrauchenden – bei jedem und jeder einzelnen von uns! Das ist nicht einfach, bedenkt man, wie normal für viele von uns der rasante Wechsel – oft mehrmals in der Saison –, die ständige Neuerungen und auch die niedrigen Preise geworden sind.

 

Mit Textilabfällen verschmutzter Strand in Accra / Ghana

 

Ganz konkret: Das kannst du tun

  • ► Weniger Teile shoppen, stattdessen lieber qualitativ hochwertige Kleidung wählen
  • ► Fast Fashion meiden, nachhaltig konsumieren und weniger verschwenden
  • ► Bewusst kreislauffähige Textilien kaufen
  • ► Fair & nachhaltig produzierte Looks länger tragen und ihre Qualität ausschöpfen
  • ► Tauschen, Verschenken, Spenden & Leihen
  • ► Lieblingsteile pflegen und reparieren
  • Cradle to Cradle-Recycling  via DIY

 

Die Herausforderung bleibt…

Herausfordernd, auch für die Umsetzung der EU-Ökodesign-Verordnung, bleiben die intransparenten und hochkomplexen internationalen Lieferketten, die auf lineare Produktion und Distribution ausgerichtet sind. Letztlich wird es auch darum gehen, Lösungen zu finden und zu etablieren, welche die Nutzung maximieren und attraktive Alternativen zum Neukauf bieten: Reparatur-Services, Secondhand sowie Miete, Tausch oder Sharing. Diese Kreislaufmodelle müssen Labels fest in der Geschäftsstrategie verankern und nicht nur als ‚Image-Projekte‘ betreiben. Zu diesem tiefgreifenden Wandel – gesellschaftlich und industriell – tragen nun die Gesetzgebenden mit den Richtlinien der EU-Ökodesign-Verordnung bei. Das ist ein starker Ansatz, aber nur, wenn sich die Vorschriften in der nahen Zukunft auch in der Praxis durchsetzen lassen. Es liegt im Interesse von uns allen, etwas beizutragen, um unsere Ressourcen zu schonen und die Umwelt nicht noch weiter zu stören. Bewusst zu shoppen und auf hochwertige Teile zu setzen statt auf zehn Billig-Shirts ist zumindest ein Anfang. Weniger ist mehr.

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Meine Liebe zu Mode und Kommunikation hat mich zu Ana Alcazar gebracht – als Texterin & Konzepterin in der klassischen Werbung groß geworden, schreibe ich seit fast 10 Jahren für unser Münchner Designerlabel. Im Redaktionsteam bin ich für alle Corporate-Themen zuständig, außerdem befasse ich mich hier mit aktuellen Trends & meinem Herzensthema Gleichberechtigung,

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