Mai 25, 2020

Haute Couture über den Wolken. Wenn Designer die Uniform entdecken.

Im Herbst soll er nun an den Start gehen – der BER: Dass der neue Hauptstadtflughafen in einer Zeit eröffnet wird, in welcher die Corona-Pandemie die Flüge auf ein Minimum begrenzt, mutet schon ironisch an. Seit 2011 lässt die Inbetriebnahme des drittgrößten deutschen Flughafens am südöstlichen Berliner Stadtrand wegen vieler Probleme auf sich warten. Jetzt soll die schier unendliche Geschichte am 31. Oktober 2020 oder vielleicht sogar ein paar Wochen früher zum einem guten Ende kommen – mit sage und schreibe neun Jahren Verspätung durch zahlreiche Planungsfehler, Baumängel, Technikprobleme sowie Versäumnisse beim Brandschutz. Wenn also der Flughafen »Willy Brandt« demnächst tatsächlich loslegt, tummeln sich endlich die zahlreichen Airlines und ihre Crews auf dem Gelände – erkennbar an den jeweils spezifischen Uniformen. Neben häufig hochgestecktem Haar und der branchenspezifischen zuvorkommenden Freundlichkeit sind die Looks der Uniformen der Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter ein wichtiges Merkmal der jeweiligen Fluggesellschaft. Aus aktuellem Anlass hab ich mich mal auf Spurensuche begeben. Wer sind eigentlich die Designer hinter der Dienstkleidung?

Die Marke mit Stil unterstreichen: die Uniform als Visitenkarte

Viele Airlines überlassen nichts dem Zufall, wenn es um die Ausstattung der Mitarbeiter geht. Das macht auch Sinn, denn das Auftreten und das Outfit von Flugkapitänen, Bodenpersonal und Stewardessen trägt wesentlich zum Markenimage bei. Kein Wunder also, dass einige Airlines ihre Uniformen auf ein hohes Mode-Niveau bringen und Top-Designer engagiert haben, um ihre Teams mit Stil kleiden zu können. Auch für den jeweiligen Designer ist das immer eine besondere Wertschätzung. Schon in den 60er Jahren verließ man sich bei Air France auf den Modeschöpfer Cristóbal Balenciaga. Später arbeiteten Pierre Cardin für die Olympic Airlines, Emilio Pucci für Braniff Airlines und Jette Joop für die mittlerweile insolvente Air Berlin – um nur einige zu nennen. Dabei ist Uniform nicht gleich Uniform. Die Stile und Looks der Dienstkleidung sind so geprägt wie die Designer selbst – entweder klassisch oder mit Fokus auf lokaler Kultur oder am Puls der Zeit und bewusst modern. Für euch habe ich ein paar etwas genauer beleuchtet.

Unmissverständliche Design-DNA: Cristóbal Balenciaga für Air France

Der spanische Designer (1895 – 1972) war seiner Zeit stilistisch konsequent einen Schritt voraus. In den 50er Jahren entwickelte er beispielsweise die I-Linie – also Kleidung, welche gerade und nicht tailliert geschnitten war. »Ein Couturier muss ein Architekt für den Schnitt, ein Bildhauer für die Form, ein Maler für die Farben, ein Musiker für die Harmonie und ein Philosoph für den Stil sein.«, beschrieb er seine Herangehensweise. Sein oberstes Prinzip war »Weglassen«. Balenciaga hatte Grace Kelly, Marlene Dietrich und die europäischen Königshäuser eingekleidet und inspiriert heute noch junge, spanische Designer. Er hat maßgeblich die Modegeschichte des 20. Jahrhunderts mitgeschrieben. 1969 entwarf er die neuen Uniformen für die weiblichen Flugbegleiterinnen der Air France.

1971 kamen zwei Outfits für Sommer/Winter hinzu, um die Hostessen am Boden erkennbar zu unterscheiden. Die Uniform für den Sommer war Zartrosa oder Hellblau. Dabei war Cristóbal Balenciaga nicht der einzige Modeschöpfer, welcher für Air France entwarf. Noch weitere Designer mit Rang und Namen wie Christian Dior (1962), Nina Ricci (1997) und Christian Lacroix (2005) setzten ihr Talent und ihre Ideen für das Unternehmen ein. Lacroix schuf 2005 eine Garderobe mit rund 100 kombinierbaren Pieces: »Man konnte eine Air France-Crew in einer Menschenmenge von tausend Menschen auf jedem Flughafen der Welt erkennen.«, stellte Lacroix selbst fest und beschrieb damit die einzigartige Mischung aus Flair und Stil. Französische Eleganz pur eben.

Die bewegte Design-Geschichte der Air France könnt ihr euch hier anschauen:


Alitalia goes Fashion – mit Alberta Ferretti im Sommer 2018

2018 gelang dem italienischen Label Alberta Ferretti ein Coup: Denn neben den Uniformen für die Stewardessen und Stewards von Alitalia entwarf Chefdesignerin und Gründerin Alberta Ferretti zugleich eine Capsule Kollektion aus drei Teilen, welche frei erhältlich ist: Schlicht gehalten und mit dem grün-roten Alitalia-Logo auf der Brust wurden das T-Shirt, das Sweatshirt und der Pulli zum It-Piece für Influencerinnen wie Chiara Ferragni – und die Looks waren überall in den Streetstyles zu sehen. Das plakative Logo kam an. Vielleicht auch, weil aus markenrechtlichen Gründen Logos nicht so häufig zu sehen sind. Die Farben von Alitalia taten ihr übriges, sie erinnerten einfach an Urlaub, Süden und gute Laune. So traf diese Mischung einfach den Nerv und bot auch noch unzählige Style-Möglichkeiten.

Die Uniformen für die Crew sind aus klassisch blauer Wolle gefertigt, kommen mit großen, auffälligen Goldknöpfen – prominent mit dem Buchstaben »A« verziert. Seidenschals, Krawatten und Lederhandschuhe machen das Outfit komplett. Die Damen-Jacken sind an der Taille mit einem breiten Trikolore-Band à la italienische Flagge geschmückt.

Die Mailänder Designerin, deren Kreativ-Credo »Mode von Frauen für Frauen« lauten könnte, hat mit diesem Neuentwurf eine sehr klassische Kollektion geschaffen. Die vorher dominanten Farben Rot und Grün wurden durch ein dunkles Blau ersetzt – die italienischen Nationalfarben kommen nur noch an den Borten und Ziergürteln vor. Unabhängig von diesem Projekt gehört Alberta Ferretti mit ihrer fantasievollen, teils surreal anmutenden Abend-Couture zu den innovativsten Designerinnen Italiens. Ihre Modelle führen Scarlett Johansson und Salma Hayek auf dem roten Teppich aus.

Zeitlos über den Wolken – Pierre Balmain für Singapore Airlines

Vielleicht habt ihr schon von dem sog. »Singapore Girl« gehört? Das ist der liebevolle Kosename für die Uniform der Singapore Airlines. Der Zweiteiler mit dem kleinteiligen Muster ist aus traditionellem Batik gefertigt und seit 1968 (!) unverändert die Uniform der Singapore Airlines. Dieses Erfolgskonzept des Sarong Kebaya (Zweiteiler aus Bluse und Rock) wurde 1968 vom Pariser Haute Couture-Designer Pierre Balmain entworfen. Mittlerweile ist der Look zum ikonischen Markenzeichen der Airline avanciert. Abhängig vom Dienstgrad wählt die Flugbegleiterin aus vier Farben: Blau – Flight Stewardess, Grün – Leading Stewardess, Rot – Chief Stewardess, Burgunderrot – In-Flight Supervisor.

Balmain’s Mode war elegant und meistens figurnah konzipiert. 1945 präsentierte er seine erste Kollektion und stand zeitlebens für Glamour und Opulenz. Stilikonen wie Brigitte Bardot und Hildegard Knef gehörten zu den zufriedenen Kundinnen des 1982 verstorbenen Pariser Designers.

Debüt auf der Fashion Week – Laurence Xu für Hainan Airlines

Für die Haute Couture Uniformen, welche im Juli 2017 auf der Pariser Fashion Week vorgestellt wurden, hat Designer Laurence Xu traditionelle und moderne Elemente verbunden. Er mischt westliche Einflüsse mit orientalischer Ästhetik. Das Farbschema, das zugrunde liegt, ist das für die Airline typische Grau. Zentrales Element der Uniform ist ein klassisches, figurnahes chinesisches Kleid in Blau-Weiß mit einem Wellen- und Wolken-Print. Einen roten Farbklecks in dem Druck setzt der mythische Vogel Roch.

Die passenden Jacken und Mäntel kommen in raffiniertem Schnitt und in dem hellen Grau der Airline. Mehr als hundert Designs wurden angedacht, die Entwürfe wurden im Entwicklungsprozess eng mit Hainan Airlines abgestimmt. Laurence Xu arbeitet in seinen Kreationen häufig mit eleganten Couture-Silhouetten im Stil der 50er Jahre – meist reich verziert mit Stickereien und Applikationen.

Zum Schluss: Ganz auf Schiene – Guido Maria Kretschmer für die Deutsche Bahn

Nicht nur Airlines heuern Designer an, um ihrem Außenauftritt den letzten Schliff zu verleihen. Auch die Deutsche Bahn arbeitete jüngst mit einem bekannten Kreativen zusammen. Guido Maria Kretschmer entwickelte in enger Abstimmung mit den Mitarbeitern der Deutschen Bahn eine Uniform-Kollektion: »Am Ende müssen aber ja die Mitarbeiter die Kleidung jeden Tag tragen und ausstrahlen, dass sie für die Reisenden da sind. Etwas Schickes hilft dabei. Kleidung macht einfach was mit den Leuten. Ich wünsche mir, dass die Bahnmitarbeiter stolz sind, diese Dienstkleidung zu tragen.«, sagt der Meister selbst. Guido Maria Kretschmer entwirft Modelinien für Otto und Möbel für den Baur Versand – die meisten kennen ihn aus der Vox-Sendung »Shopping Queen«. Kürzlich kleidete er rund 43.000 Zugbegleiter, Servicemitarbeiter und Lokführer ein. Das Briefing? Modern und sympathisch sollten die Looks sein.

Die Entwicklungsphase dauerte fast drei Jahre, denn die Meinung der Mitarbeiter wurde von Anfang an einbezogen – Workshops und achtmonatiger Tragetest inklusive. Jetzt steht das Ergebnis fest: dunkles Blau, elegantes Weinrot und eine Auswahl mit bis zu 80 Pieces, welche den »Made in Green by Oeko-Tex«-Standard erfüllen. Eine rundum gute Sache also, welche ab 1. August getragen werden wird.

Achtet ihr beim Reisen auch auf die Outfits der Stewardessen und Stewards? Gibt es eine Airline, deren Looks euch besonders auffallen oder welche ihr besonders stylish findet? Ich bin gespannt, von euch zu hören!

von

Meine Liebe zu Mode und Kommunikation hat mich zu Ana Alcazar gebracht – als Texterin & Konzepterin in der klassischen Werbung groß geworden, schreibe ich seit fast 10 Jahren für unser Münchner Designerlabel. Im Redaktionsteam bin ich für alle Corporate-Themen zuständig, außerdem befasse ich mich hier mit aktuellen Trends & meinem Herzensthema Gleichberechtigung,

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