Feb 4, 2019

Wo Frauen das Sagen haben. Matriarchat als Gesellschaftsform.

Welche Gesellschaftsform die richtige ist und überhaupt, wie man am glücklichsten leben kann, wird zur Zeit viel diskutiert. Bücher wie Vom Versagen der Kleinfamilie der Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve beleuchten die Paarbeziehung als Grundlage einer Gesellschaft und kommt zu dem Schluss: Es funktioniert nicht. Weil die Liebe zwischen Mann und Frau nicht ewig hält. Leider. Weil zuviel Druck auf jedem Einzelnen liegt. Weil Kinder dann im Patchwork leben. Und das eben der Normalfall ist. Und nicht die Ausnahme.

Warum also nicht mal über andere Gesellschaftsformen und damit auch über veränderte Geschlechterverhältnisse nachdenken. Über Lebensformen, die in anderen Kulturen etabliert sind – wie zum Beispiel das Matriarchat.

Wenn die mütterliche Linie alles entscheidet.

Das Matriarchat gilt als älteste Gesellschaftsform der Welt – mütterbezogene Gesellschaftsformen gab es wohl schon in der Steinzeit. Wenn man sich nicht näher damit beschäftigt, könnte man meinen, das Matriarchat sei das exakte Gegenteil des Patriarchats, also eine reine „Frauenherrschaft“. Und genau das ist so nicht ganz richtig. Das Matriarchat ist nämlich eine Gesellschaftsform ohne institutionalisierte Hierarchien, aber eben mit einer für uns ungewohnten Aufgabenteilung.

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Linie der Mutter entscheidend ist. Die Familienzugehörigkeit richtet sich nach ihrer Abstammungslinie. Frauen leben generationenübergreifend zusammen und bestimmen die Geschicke ihres Clans und ihres Dorfes, verwalten das Familienvermögen und schlichten Streit. Die biologische Vaterschaft spielt in matriarchalen Strukturen keine Rolle. Häufig ist sogar unbekannt, wer der Vater eines Kindes ist. Das Kind erhält automatisch den Namen der Mutter und wächst mit ihr, ihren Schwestern, deren Töchtern und Enkelinnen, sowie den Männer, die direkt verwandt sind, auf. Frauen leben zusammen und Männer wie Frauen sind sich einig, dass es seltsam wäre zu einer anderen Familie zu ziehen.

Hochzeit ist keine Alternative

Sehr interessant finde ich auch, dass die Frauen, wenn sie das Sagen haben, nicht heiraten wollen. Die Hochzeit und überhaupt die Beziehung zwischen Mann und Frau werden nicht als konstituierend für die Gesellschaftsordnung betrachtet. Blickt man dahinter, stellt sich heraus, dass eine – auch für viele in unserer Gesellschaft nachvollziehbare – Haltung zugrunde liegt: Der Bund der Familie hält ewig, wohingegen Leidenschaft in der Regel etwas sehr Kurzfristiges ist.

Das habe ich in einem Interview mit dem Journalisten Ricardo Coler gelesen, welcher zwei Monate in einer matriarchalen Gesellschaft in China – bei den Mosou – gelebt hat. In dem Interview mit der WELT berichtet er, dass dort Kindern sogar damit gedroht werde, verheiratet zu werden, falls sie nicht brav sind. Man glaubt im Matriarchat nicht daran, dass eine Paarbeziehung auf Ewigkeit gegründet ist. Sondern betrachtet das ganze pragmatisch: Es gibt nur die sog. Besuchsehe. An der Tür der Frau befindet sich ein Haken. Hängt ein Hut daran, wissen alle, dass ein Mann zu Besuch ist. Sie wählt aus, wer die Nacht mit ihr verbringt. Das kann in der nächsten Nacht wieder ein anderer Mann sein. Oder gar keiner. Der Journalist, dessen Interview ich oben verlinkt habe, wurde wohl von den Mosou in Südchina gefragt, warum in seiner Kultur ständig etwas wiederholt würde, von dem man doch wisse, dass es nicht funktioniere. Und hier schließt sich der Kreis zu dem aktuellen Buch von Mariam Irene Tazi-Preve, das ja die Kleinfamilie als Basis unserer Gesellschaft als gescheitert ansieht.

Was ich noch sehr interessant finde, ist die Tatsache, dass sich in matriarchalische Gesellschaften offenbar niemand unterdrückt fühlt. Ganz im Gegensatz zu den patriarchalischen Strukturen. Meinem Gefühl nach hat das damit zu tun, dass Frauen in diesen Gesellschaften „Macht“ nicht als Über-Unterordnungs-Verhältnis definieren, sondern mehr als „Mittendrin-Sein“, Anteilnehmen und das Ziel verfolgen, für die Gemeinschaft das Beste zu erreichen. Und so verwundert es nicht, dass auch die Männer im Matriarchat zufrieden sind. Sie tragen weniger Verantwortung, arbeiten in der Regel weniger und wohnen – bei wechselnden Frauenbekanntschaften –lebenslang bei der Mutter. Das wirft sofort die Frage auf, ob die vielberedte männliche Aggression wirklich in den Genen liegt. Denn im Matriarchat scheint es von außen betrachtet weniger Konkurrenzdenken und Unterdrückung zu geben – für alle Geschlechter.

Die Regionen der Frauen

Für euch habe ich mal recherchiert, wo es noch heute matriarchal organisierte Völker gibt: Zu den bekanntesten zählen die Mosuo in China, die Khasi in Indien und die Juchitán in Mexiko. Interessant ist, dass alle drei Systeme sich wiederum in manchen Punkten voneinander unterscheiden.

Mosuo in China – das letzte “echte” Matriarchat

Die Mosuo in Südchina, eine Gemeinschaft von rund 35.000 Menschen, werden als letztes echtes Matriarchat betrachtet. Denn hier gehört den Frauen alles, im Gegenzug sind sie auch für alles verantwortlich. Sie treffen alle Entscheidungen und verrichten auch die schweren Arbeiten, wie beispielsweise in der Landwirtschaft. Wie eingangs schon beschrieben, sind Männer zeitlich beschränke Liebhaber und wohnen zeitlebens bei ihrer Mutter. Kinder werden interessanterweise dem Onkel der Mutter zugeordnet. Der biologische Vater kann sich aber auch um das Kind kümmern, wenn er Lust dazu hat – vergleichbar mit einem Freizeit-Papa. Männer tragen also höchstens die Mit-Verantwortung für die Kinder ihrer Schwester.

Khasi in Indien – selbstbewusste Frauen, die wirtschaftlich unabhängig sind

Ganz im Gegensatz zu den restlichen Frauen in Indien, sind die weiblichen Khasi im indischen Bundesstaat Meghalaya wirtschaftlich und gesellschaftlich unabhängig. Übrigens heißt Khasi „von einer Frau geboren“. Eine Frau übernimmt die Rolle der Hauptversorgerin des gesamten Clans. Meist tritt die jüngste Tochter irgendwann die Nachfolge an. Auf deren Bildung wird von Anfang an viel Wert gelegt. Alles in allem wird die Verantwortung gemeinschaftlich auf allen Schultern verteilt. Die Frauen bei den Khasi sind im positiven Sinne selbstbewusst, die Männer glauben fest an die Kompetenzen der Frauen und entfalten sich nach Neigung.

Frauen in Juchitán/Mexiko – Finanzberufe & Handel in weiblicher Hand

In einer etwas anderen Ausprägung findet man matriarchale Strukturen auch in der Provinzstadt Juchitán am Golf von Tehuantepec. Dort sind die Frauen überwiegend berufstätig und tonangebend. Sie verdienen das Geld und verwalten die Finanzen. Im Gegensatz zu den Mosuo in China übernehmen die Männer hier aber viele körperliche Arbeiten, bspw. in der Landwirtschaft, in der Fischerei oder in der Industrie. Besonders in Mexiko, das für seine Macho-Männer bekannt ist, ist diese Rollenverteilung bemerkenswert. Eine besondere Stellung nehmen in diesem System auch die sog. Muxes ein – trans- oder homosexuelle Männer, die wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit und ihres Fleißes hoch angesehen sind. Auch das steht im Gegensatz zum Rest von Mexiko, wo Homosexualität immer noch stark diskriminiert wird. Die Muxes arbeiten hauptsächlich in den Frauen-Berufen, die sich bei den Juchitán vor allem um Handel und Geschäfte machen drehen.

 

In nächster Zeit werde ich mich noch intensiver mit dem Matriarchat und seinen Ausprägungen beschäftigen. Ich finde, dass es da ein paar sehr gute Ideen und auch pragmatische Ansätze gibt. Wie seht ihr das? Postet mir eure Meinung gern in den Kommentaren.

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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