Feb 12, 2018

#MeToo – ein #Aufschrei geht um die Welt

Nachdenken über die längst überfällige Sexismus-Debatte.

Kürzlich hat das US-Magazin Time die #MeToo-Bewegung zur Person des Jahres 2017 erklärt. Frauen, die sich öffentlich über sexuelle Übergriffe geäußert hatten, setzte die Time im Zuge der Auszeichnung auf die Titelseite: zu ihnen zählen unter anderem die Schauspielerin Ashley Judd, die Sängerin Taylor Swift sowie die Software-Entwicklerin Susan Fowler. Ashley Judd hatte gemeinsam mit anderen Frauen den Skandal um Filmproduzenten Harvey Weinstein zur Sprache gebracht. „Die mitreißenden Handlungen der Frauen auf unserer Titelseite gemeinsam mit Hunderten anderen sowie vielen Männern haben eine der schnellsten Veränderungen in unserer Kultur seit den Sechzigerjahren freigesetzt.“, so begründete der Chefredakteur die Entscheidung.

Wo genau beginnt Diskriminierung?

Ich mache mir schon länger Gedanken über dieses – durchaus auch kontrovers diskutierte – Thema, das aktuell in vielen Talkshows besprochen wird und immer weitere Kreise zieht. Und, ja: Die Geschlechterrollen haben sich in den letzten Jahrzehnten dank der Emanzipation glücklicherweise verschoben. Dennoch denke ich, dass es noch einiges zu bewegen gibt: Der prozentuale Anteil von Frauen in Führungspositionen, Vereinbarkeit von Kind und Beruf, aber auch immer noch vorherrschende tradierte Rollenklischees gehören meiner Meinung nach zu den großen ungelösten Themen.

Und Sexismus? Welches Verhalten ist wo wann wem gegenüber diskriminierend? Wo liegt die Grenze, an der sich ein Kompliment ins Gegenteil kehrt und übergriffig wird? Welche Rolle spielen Generationen-Konflikte dabei? Der Grat bei der Beurteilung von Anzüglichkeiten oder diskriminierenden Alltags-Situationen ist manchmal schmal, da sehr viel individuelle Wahrnehmung im Spiel ist. Das gilt nicht für die genannten Fälle. Denn Fakt ist: Sexismus ist nach wie vor ein allgegenwärtiges Problem – auf der ganzen Welt. Und viele Frauen erleben die Gesellschaft, auch in Deutschland, immer noch als männlich dominiert – wie gesagt, besonders, wenn es um Gehälter oder Führungsrollen geht, scheitern viele Frauen immer noch an der sprichwörtlich gewordenen „Gläsernen Decke“. Dennoch darf eine längst überfällige und absolut berechtigte Debatte nicht zu einer Hexenjagd werden, die alle Männer unter Generalverdacht stellt. Denn auch Männer gehören zu den Betroffenen: Die Starfotografen Mario Testino und Bruce Weber stehen unter Verdacht, männliche Models und ehemaligen Mitarbeiter teilweise aggressiv sexuell genötigt zu haben und der Oscarpreisträger Kevin Spacey verlor nach massiven Anschuldigungen seitens männlicher Kollegen sein Engagement bei der Hitserie House of Cards. Aber von Anfang an …

„Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen.“ – #aufschrei hat deutschlandweit sensibilisiert

In Deutschland nahm die öffentliche Diskussion 2013 Fahrt auf. Der damalige FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle äußerte gegenüber der stern-Journalistin Laura Himmelreich den vielzitierten Satz: „Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen.“ Ab diesem Zeitpunkt wurde die Frage über Komplimente, Herrenwitze und die bewusste oder unbewusste Herabstufung von Frauen öffentlich ausgetragen. Übrigens schwieg der Spitzenpolitiker damals zu der Debatte, er hat sich auch nie entschuldigt.

Wie sexistisch ist unsere Gesellschaft? Was muss sich ändern? Wer übertreibt? Die Feministin Anne Wizorek schlug im Zuge der Äußerung Brüderles auf Twitter vor, unter dem Hashtag #aufschrei ähnliche Erfahrungen zu tweeten. Was dann passierte, überraschte alle. Viele Frauen, aber auch einige Männer, beschrieben ihre Erlebnisse mit Alltagssexismus. Das Spektrum reichte von ärgerlichen Kommentaren über dumme Witze und unerwünschte Anzüglichkeiten bis hin zu Übergriffen. Rund 60.000 Tweets wurden innerhalb von 14 Tagen unter #aufschrei formuliert. Hier aufschrei.konvergenzfehler.de könnt ihr einige davon nachlesen.

#aufschrei gewann einen Grimme-Award. Denn der Hashtag schaffte es erstmals, ein Thema an Politik und Medien – quasi von der Online- in die Offline-Welt –zurückzuspielen. Und erzeugt damit in ganz Deutschland ein wachsendes Bewusstsein für die Situation.

#MeToo schafft jetzt weltweit Aufmerksamkeit

Am 15. Oktober 2017 setzte die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano den ersten Tweet mit dem Hashtag #MeToo ab. Damit reagierte die als „Hexe Phoebe“ in der Serie „Charmed“ bekannt gewordene Darstellerin auf den Skandal um Harvey Weinstein: Der mächtige Hollywood-Produzent soll zahllose Frauen bedrängt und einige vergewaltigt haben. Unter anderem Uma Thurman belastet Weinstein schwer, der sie nach dem Dreh für Pulp Fiction in einer Hotelsuite extrem bedrängt haben soll – eine weitere Aussage, die den systematischen Machtmissbrauch des einflussreichen Weinstein offenlegt, der abhängige Verhältnisse regelmäßig ausnutzte.

Allerdings existiert der Hashtag #MeToo selbst bereits seit 2006 und stammt von der Aktivisten Tarana Burke. Sie postete ihn auf MySpace, um Aufmerksamkeit für afroamerikanische Frauen zu gewinnen, die Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch gemacht hatten. Innerhalb von 48 Stunden wurde der Hashtag im Oktober 2017 fast eine Million Mal getwittert – von vielen Frauen, aber auch einigen Männern, die diskriminiert worden waren. Millionen weltweit teilten im Netz ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Auf Facebook nutzen allein am ersten Tag 4,7 Millionen User den Hashtag. Kein Wunder, dass er in den Twitter-Charts ganz oben rangierte.

Anfang diesen Jahres schwappte die Aufmerksamkeit nach Deutschland: dem deutschen Regisseur Dieter Wedel werden von Schauspielerinnen sowie mehreren ehemaligen Mitarbeiterinnen sexuelle Übergriffe in den 90er Jahren zur Last gelegt. Das Magazin der „Zeit“ veröffentlichte eine umfangreiche Recherche zu den Vorwürfen gegen diesen sehr mächtigen Fernsehregisseur, der seine größten Erfolge zwischen den 70ern und 90ern Jahren feierte. Wedel widerspricht, erklärt aber am 22. Januar 2018 seinen Rücktritt als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft München.

Nicht mehr wegzudiskutieren – #MeToo Debatte prägt auch die Berlinale

Im Filmgeschäft scheint die Gleichberechtigung noch weniger angekommen zu sein als in vielen anderen Branchen. Da, wo das Augenmerk noch zu oft rein auf äußeren Vorzügen liegt, herrscht teilweise ein antiquiertes Frauenbild. Vor allem aber gibt es wohl häufig noch ziemlich patriarchalische Strukturen. Und das vielzitierte „Baby, Du siehst großartig aus.“ als Potenzdemonstration ist in der Welt der roten Teppiche gang und gäbe.

Deswegen will die diesjährige Berlinale, die vom 15. bis 25. Februar mit Tom Tykwer als Jury-Präsident stattfindet, bewusst ein Statement setzen und ein Forum für #MeToo und gegen Sexismus und Machtmissbrauch in der Filmbranche sein. Podiumsdiskussionen rund um das Thema und die Frage nach Schweigekartellen sollen Raum bekommen. Die Sensibilisierung ist höher als je zuvor. Unter dem Hashtag #nobodysdoll wendet sich auch die Schauspielerin Anna Brüggemann im Vorfeld der Berlinale gegen Geschlechterklischees auf dem roten Teppich mit High Heels und Frauen, die wie Bonbons zum Auspacken gestylt sein müssen. Aus Sicht der Schauspielerin sind das die Insignien eines veralteten Geschlechterbildes. Regisseur Werner Herzog kommentierte zum Thema Emanzipation und zur #MeToo Kampagne kürzlich im Stern: „Endlich kommt die Zäsur, die die feministische Bewegung schon seit den 60er Jahren zu Recht fordert.“

Ändert sich jetzt die Gesellschaft?

Was nun? Die weltweite Diskussion über Sexismus ist essentiell, um Bewusstsein zu schaffen und um Betroffenen endlich eine Stimme zu geben. Auch um manchen Frauen das – leider teilweise vorhandene – falsche Empfinden zu nehmen, an Übergriffen möglicherweise „mit Schuld zu sein“, weil der Rock angeblich zu kurz oder das Top zu dekolletiert war. Aber reicht eine #MeToo Kampagne aus, um etwas zu ändern?

Ich persönlich mag sexistische Äußerungen, die als Komplimente getarnt werden, nicht. Mich regt das unendlich auf. Aber ich habe das Gefühl, dass es oft an Bewusstsein und Sensibilität mangelt – beispielsweise, wenn ein Kollege sich über die neue, enge Lederhose ungefragt anzüglich äußert. Trotzdem unterstelle ich nicht in allen Fällen ein sexuell konnotiertes Dominanz- oder Machtstreben. Aber ich will nichts bagatellisieren. Denn eigentlich sollte klar sein, was geht und was nicht. Und ich erlebe oder beobachte es im Alltag oft, dass Grenzen überschritten werden – und seien es die der Höflichkeit. Wieso sollte ein fremder Mann das Aussehen irgendeiner beliebigen Frau laut kommentieren? Oder sich über ihren Körper äußern? Ehrlich: Ich will mich nicht damit abfinden, dass ein patriarchales System eine Kultur von Chauvinismus hervorgebracht haben soll, die nicht zu relativieren ist. Die meisten Frauen, die ich kenne, stehen nicht auf Machos oder Typen, die glauben, Frauen als Objekte behandeln zu können. Und viele Männer, mit denen ich mich unterhalte, pflegen einen sehr respektvollen, wertschätzenden Umgang mit Frauen.

Bei der #MeToo Debatte sind die Männer bislang erstaunlich still. Wo ist die andere Seite?

Ich hoffe sehr, sie äußert sich. Laut und deutlich. Dann tritt die Generation der Chauvinisten hoffentlich endlich ab.

Ein kontrovers diskutiertes Thema. Wie seht ihr die #MeToo Bewegung? Gibt es etwas, das euch total aufregt? Wo geht eurer Meinung nach die Reise hin? Ich freu mich, wenn ihr mir dazu schreibt.

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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