Sep 21, 2022

Altersarmut ist weiblich. Warum das so ist und was du tun kannst.

»Geld ist der Schlüssel zur Freiheit«

Coco Chanel

Wusstest du das? In Studien zu Themen, die Frauen bewegen, steht eine Sorge aktuell unangefochten auf Platz 1: Die Angst vor Altersarmut. Die traurige Wahrheit ist, dass diese Furcht berechtigt und für viele Frauen längst alltägliche Not ist. Das Rentengefälle zwischen Mann und Frau ist laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) nirgendwo so hoch wie in Deutschland. 10% der Frauen leben heute in Altersarmut.

Schaut man genauer hin, entfaltet sich die niederschmetternde Wahrheit: Männer in Deutschland beziehen eine durchschnittliche Rente von 1148,00 Euro monatlich,  Frauen dagegen erhalten im Schnitt nur 711,00 Euro, das besagen die Daten der deutschen Rentenversicherung. Für mich ist es immer wieder aufs Neue unfassbar, dass nirgendwo in Europa die Lücke(n) so weit auseinanderklaffen wie in Deutschland. Was mit der Gender Pay Gap beginnt, also dem geschlechtsspezifischem Gehaltsunterschied, mündet schließlich in die sog. Gender Pension Gap. Die oben dargestellte Altersvorsorgelücke von Frauen im Vergleich zu Männern liegt hierzulande bei 46 Prozent – und ist damit im Jahresvergleich 2019 der 37 OECD-Länder in Deutschland am höchsten. Warum ist das so?

Die Rente in Deutschland als Spiegelbild der Teilhabe am Arbeitsleben

Das lässt sich rein analytisch schnell erklären: Die deutsche Rentenversicherung funktioniert nach dem Prinzip der »Teilhabeäquivalenz«. Das heißt, je höher die eigenen Beitragszahlungen während des Arbeitslebens sind, desto höher sind später auch die Rentenansprüche. Was zunächst nachvollziehbar klingt, ist bei genauerem Hinsehen komplizierter und eben leider nicht gerecht. Denn die Lebensumstände vieler Frauen und private Arrangements zwischen Partnern können dazu führen, dass vor allem alleinstehende Frauen im Alter in finanzielle Not geraten. Einen gehörigen Beitrag zu dem Schlamassel leisten hinderliche Rollenklischees, altertümliche Steuermodelle, ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern bei gleicher Qualifikation, Teilzeit-Jobs wegen der Kinder sowie unbezahlte Care-Arbeit. Alle diese Faktoren führen in Summe dazu, dass die Versorgungslücke in der Biographie einer Frau im Laufe des Lebens immer größer wird.

10% der Frauen leben in Altersarmut und müssen jeden Cent ihrer kleinen Rente zweimal umdrehen.

Lebensbilanz: Frauen verdienen nur halb so viel wie Männer

Warum? Auch hier kommen wieder mehrere Dinge zusammen. Ich hatte sie vorhin schon erwähnt: die Gender Pay Gap. Frauen erhalten häufig bei gleichem Beruf, vergleichbarer, gleichwertiger Tätigkeit und äquivalentem Bildungsabschluss weniger Gehalt als Männer. Diese Entgeltungleichheit ist die Folge tradierter Rollenvorstellungen. Die sog. unbereinigte Gender Pay Gap liegt in Deutschland für das Jahr 2021 bei 18%. Man darf sie als die Vorstufe zur Gender Pension Gap sehen und Deutschland bleibt auch in diesem Ranking im europäischen Vergleich Schlusslicht. Sicherlich trägt auch dazu bei, dass die »Gläserne Decke« verhindert, dass weibliche Führungskräfte in Spitzenpositionen, beispielsweise in die Vorstände kommen. Wieder andere Frauen sind in schlecht bezahlten Berufen wie Pflege, Erziehung und Einzelhandel tätig.

Was all das verstetigt und Veränderung erschwert, sind immer noch fortwirkende gesellschaftliche Rollenfestschreibungen, wie zum Beispiel, dass Frauen ganz selbstverständlich die »Care-Arbeit« übernehmen sollen. Früher oder später reduzieren die meisten Frauen ihre Arbeitszeit, um sich zuhause um die Kinder zu kümmern. Tatsächlich unterbrechen Frauen deutlich häufiger und länger als Män­ner ihre Erwerbstätigkeit familienbedingt. Es gibt einen englischen Begriff für dieses Phänomen: »Motherhood Lifetime Penalty«, also die Mutterschaft als lebenslange Strafe für Frauen. Das klingt erschreckend hart, ist aber im Lichte der Fakten rund um Altersarmut leider real. Denn es ist genau der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen im Berufsleben, der sich zu der immensen Rentenlücke hochsummiert.

Während Männer überwiegend kontinuierlich Vollzeit arbeiten, sind weibliche Job-Biografien durch längere Unterbrechungen gekennzeichnet. Bei Frauen, die keine Kinder bekommen, fällt der Unterschied im Lebenseinkommen im Vergleich zu Männern kleiner aus. Er liegt bei 12% in West- und 3% in Ostdeutschland.

Steigende Preise und kein Geld für Lebensmittel: Der soziale Absturz droht im Alter.

Die traditionelle Rollenverteilung und ihre Folgen

Der Mann verdient das Geld, die Frau übernimmt den Haushalt, die Pflegearbeit und die emotionale Fürsorge. So sieht es das hegemoniale »Male Breadwinner Model« (siehe »The Long Goodbye to the Male Breadwinner Model«, Max-Planck-Gesellschaft) vor. Die konservative Gesellschaftsidee des männlichen Vollzeiterwerbstätigen und der weiblichen Vollzeit-Familienarbeitenden sichert Frauen mit ab – aber nur im Rahmen der Ehe und damit abhängig vom Ehemann als Versorger. Fällt diese Unterstützung zum Beispiel durch Scheidung weg, ist das Armutsrisiko für die folglich Alleinstehenden und Alleinerziehenden groß. Zwar sind heute die meisten Frauen erwerbstätig. Das traditionelle Familienbild der Nachkriegsjahre in Westdeutschland manifestiert sich im Moment stärker in der wirtschaftlichen Not älterer Frauen. Aber auch aktuell arbeiten viele junge Mütter in Teilzeit, weil sie die unbezahlte Sorgearbeit zu Hause verrichten und sich vielleicht später um pflegebedürftige Angehörige kümmern.

Was mich besonders erstaunt: Viele jüngere Paare bewegen sich immer noch in dem tradierten Modell. Es gibt eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2014, die bestätigt, dass jede vierte Frau in Paargemeinschaften überwiegend von den Einkünften des Mannes lebt – damit also finanziell abhängig ist. Interessanterweise unterscheidet sich der Wert damit kaum vom Anteil älterer Frauen, die mit einem Mann zusammenleben.

Gender Care Gap – Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit

Auch, wenn es immer mehr Väter gibt, die in Elternzeit gehen und sich einige Männer mehr denn je im Haushalt oder bei der Kindererziehung engagieren, ändert sich die Gesamtsituation nur langsam. Das konnte man eindrucksvoll in der akuten Phase der Corona-Pandemie beobachten. Wenn es »Hart auf Hart« kommt, so meine Lesart, fallen wir automatisch stärker in die tradierten Rollenmodelle zurück. Das zeigt, wie tief wir darin verhaftet sind. Im Zuge der pandemiebedingten Einschränkungen, des Lockdown und den verringerten institutionellen Betreuungsangeboten für Kinder waren es die Frauen, die on top die häusliche Sorge und Kinderbetreuung sowie das Homeschooling übernommen hatten. Fakt ist: Teilzeit bei Frauen in Paarhaushalten hat wieder zugenommen. Die Mütter nehmen Arbeitsreduktionen in Kauf und verlieren damit sog. Rentenpunkte. Nur allzu bereitwillig akzeptieren Frauen das Selbstbild der »Hinzuverdienerin«, während Männer am Selbstbild des »Familienernährers« festhalten.

Die ungleiche Verteilung der häuslichen Arbeit ist nicht nur die Ursache für die hohe Teilzeitquote, sie hat auch direkte Auswirkungen auf das Einkommen, die beruflichen Chancen und letztlich die Absicherung im Alter. Die Statistik belegt es: Im Jahr 2019 lag die Teilzeitquote von erwerbstätigen Frauen mit minderjährigen Kindern bei 66,2 Prozent. Bei erwerbstätigen Männern im selben Jahr dagegen bei 6,4 Prozent. 

Eine Lösung: Väter übernehmen deutlich mehr Betreuungszeiten.

Und was tut die Politik gegen Altersarmut bei Frauen?

Manches mag gut gemeint sein, denkt man es zu Ende, zeigen sich die Schwachstellen: Eines der eindrücklichsten Beispiele ist das Ehegattensplitting. Statt konsequent die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, privilegiert der Staat mit diesem Steuermodell die Alleinverdiener-Ehe. Doppelt erwerbstätige Ehepartner werden dadurch benachteiligt. Denn je größer der Einkommensunterschied ist, desto höher ist der finanzielle Vorteil. Bei Doppelverdienenden ohne Einkommensdifferenz entfällt der Effekt des Splittings völlig. Das führt unweigerlich dazu, dass die Frau, die oft das niedrigere Gehalt hat, in Teilzeit geht oder gar nicht mehr arbeitet – und sich damit weniger gesetzliche Rentenansprüche und in Folge eine niedrigere Rente einhandelt. Wenn Paare anfangen zu rechnen, kann das kurzfristig als die bessere Lösung erscheinen… aber alle sollten auch in glücklichen Zeiten mögliche negative Zukunftsfolgen einkalkulieren! Was passiert, wenn die Partnerschaft in die Brüche geht? Wie steht es dann um die Rente der Frau? Ich würde es ohnehin begrüßen, wenn ein Anspruch auf Ganztagsschulen bestünde und die Kinderbetreuung insgesamt ausgebaut würde, so dass sich Familie und Beruf besser vereinbaren ließen und die Doppelverdiener-Familie (»Adult Worker Model«) real würde – ohne  Frauen, die arbeiten wollen, über alle Maßen zu belasten. Einen ähnlich negativen Effekt auf die Rentenansprüche bringt die beitragsfreie Mitversicherung in der Pflege- und Krankenversicherung. Nur allzu oft stehen Frauen seit der Unterhaltsrechtsreform im Fall einer Scheidung unversorgt da. Noch einmal an dieser Stelle: In keinem anderen Industriestaat ist das Rentengefälle zwischen Mann und Frau so hoch wie in Deutschland.

Die Gleichung ist ziemlich einfach: Wer wenig verdient, zahlt wenig ein und hat später nur eine kleine Rente. So gesehen ebnet auch Ehegattensplitting den Weg in die Altersarmut für Frauen.

Je früher Frauen raus aus der finanziellen Abhängigkeit kommen, desto besser geht es ihnen ökonomisch im Alter.

Was jetzt?

Der einfachste und zugleich wichtigste Rat an alle Frauen: Nehmt eure Finanzen so früh wie möglich selbst in die Hand! Übernehmt Verantwortung für euer Leben und informiert euch, beschäftigt euch mit Geld, Anlageformen und den geltenden Rentengesetzen. Achtet auf euch selbst, denn keiner kann vorhersagen, wie sich eine Beziehung/Ehe im Laufe der Zeit entwickelt. So unromantisch es klingen mag und bei aller wünschenswerten lebenslangen Liebe – stellt euch finanziell auf eigene Beine und trefft als Paar gemeinsam mit eurem Partner wohlüberlegte, zukunftsorientierte Entscheidungen, wer wann und wie lange bei dem Kind oder den Kindern zuhause bleibt. Wenn ihr euch nicht um euch selbst kümmert, kümmert sich am Ende keiner um euch.

Die Lücke schließen – konkrete Tipps

– Möglichst viele Jahre in Vollzeit arbeiten
– Wenn Kinder da sind, möglichst Teilzeit für beide (Vater und Mutter) – mit höherem Stundenanteil
– Auch der Vater sollte Erziehungszeiten nehmen
– Viele Rentenpunkte sammeln
– Private Zusatzrenten abschließen, was ein gewisses Einkommen voraussetzt
– Auseinandersetzung mit Finanzprodukten wie Aktien, ETFs, Betriebliche Altersvorsorge etc.

 

Schon in guten Zeiten gemeinsam planen wie Armut im alter für beide Personen der Paarbeziehung vermieden werden kann!


Frauen unterstützen Frauen

Es ist wichtig, informiert zu sein und Know-how um die finanziellen Möglichkeiten und Risiken aufzubauen. Ich persönliche fände es gut, bereits in Schulen durch Aufklärung rund um Finanzthemen ein Bewusstsein bei Jungen UND Mädchen für dieses Thema zu schaffen. Fakten, die u.a. bei der Studienfach- oder Berufswahl einen Unterschied machen können. Die Berufswahl hat entscheidenden Einfluss auf das spätere Leben, auch, wenn es völlig legitim ist nach der Schule verschiedene Dinge auszuprobieren. Wissen ist wichtig! Glücklicherweise gibt es einige hilfreiche Blogs, Portale und je nach Wunsch auch Coachings – von Frauen für Frauen –, die helfen, in das Thema »Finanzen« einzusteigen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich hier einzulesen!

 

Weißt du, wie hoch deine Rente einmal sein wird? Wie intensiv beschäftigst du dich mit Finanzen? Poste gern deine Erfahrungen in den Kommentaren.

 

von

Meine Liebe zu Mode und Kommunikation hat mich zu Ana Alcazar gebracht – als Texterin & Konzepterin in der klassischen Werbung groß geworden, schreibe ich seit fast 10 Jahren für unser Münchner Designerlabel. Im Redaktionsteam bin ich für alle Corporate-Themen zuständig, außerdem befasse ich mich hier mit aktuellen Trends & meinem Herzensthema Gleichberechtigung,

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