Aug 30, 2017

Brüssel – Design, Diplomatie und Demos

Regierungsviertel in Brüssel

Wenn wir Brüssel hören, denken wir an die EU und die Nato, an Diplomaten, Journalisten oder Lobbyisten – und sind (fast) ein bisschen gelangweilt. Dass Belgiens Hauptstadt eigentlich bunt und quirlig ist, Kunst und Kultur liebt, führende Designer hervorbringt und genau deswegen Modeschöpfer, Filmemacher, Künstler, Schriftsteller, Fotografen und Werber anlockt – das merkt man erst, wenn man sich mit Brüssel näher beschäftigt.

Kosmopolitisches Flair und viele Widersprüche

In Brüssel kennt man ein Wort für die Mischung der Gegensätze: Brassage. Und das trifft es sehr gut. Genau diese Gegensätze sind es nämlich, die Brüssel so lebendig machen.

Das fängt schon bei der Sprache an: Wusstet ihr, dass Brüssel offiziell zweisprachig ist? Zwar spricht die Mehrheit Französisch, aber Tag für Tag pendeln mehr als 200.000 Flamen in die Stadt, um dort zu arbeiten. Dann hört man viel Niederländisch. Dazwischen mischen sich munter Türkisch, Arabisch und Polnisch.

Die Vielfalt an Mentalitäten eines Völkergemisches aus Diplomaten und Migranten lebt hier friedlich miteinander. So entstanden mit der Zeit auch neue Musikstile und Tanzformen, beispielsweise Mixes aus marokkanischer Folklore und Techno oder aus Jazz und südindischen Klängen. Überhaupt liebt man in Brüssel die Musik – egal, ob Chanson, Ethno, Jazz oder Techno. Das passt zu den Menschen, die vorwiegend liberal, offen und tolerant sind. Besonders die alteingesessenen Brüsseler mögen es, zu diskutieren und zu demonstrieren. So vergeht keine Woche ohne einen Protestmarsch für irgendeine gute Sache – Demos stehen in Brüssel auf der Tagesordnung.

Von Horta entworfenes Gebäude in Brüssel

So vielfältig wie die Einwohner ist auch die Architektur: Immer mehr Lofts, Studios, coole Weinbars sowie individuelle Bistros, Galerien und junge Bühnen mischen sich unter die Jugendstilbauten aus der Belle Époque: Brüssel ist als Wiege des Jugendstils bekannt. In keiner anderen Stadt findet ihr so viele schöne Jugendstil-Häuser an einer Stelle. Wenn ihr euch dafür interessiert, kommt ihr an dem bekannten Jugendstil-Architekten Victor Horta nicht vorbei. Als Einstieg empfehle ich euch einen Besuch im Horta-Museum in der Rue Américaine 25 im Stadtteil Saint-Gilles. Denn Wohnhaus und Atelier von Victor Horta sind heute ein Museum – das übrigens zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Saint-Gilles selbst liegt nicht weit vom Stadtzentrum entfernt und strahlt noch immer den Charme der Belle Époque aus. Bourgeois, Künstler und Studenten wohnen dort. Nutzt die Gelegenheit, lasst euch dort durch die Straßen treiben und genießt das multikulturelle Flair. Ich liebe es …

Viel Sehenswertes und dann: Auf zum Europaviertel!

Wenn ihr noch nie in der belgischen Hauptstadt wart, bietet sich der Grand’ Place als Ausgangspunkt eurer Entdeckungs-Tour an. Mitten im Centre Ville schlägt das Herz der Stadt. Hier findet ihr nicht nur viele Lokale, sondern auch das Rathaus. Auf den Treppen tummeln sich Jugendliche, während Besuchter und Einheimische über den Platz schlendern. Von hier könnt ihr zu Fuß die exklusive neoklassizistische Ladenpassage Galeries Saint-Hubert sowie das angesagte Modeviertel Rue Antoine Dansaert erreichen. Unter dem Glasdach der Passage findet ihr einige Luxuslabels, Kinos und ein Theater.

Bester Ausgangspunkt fürs Shoppen: Grande Place

Eine Reise wert ist auch der Mont des Arts – auf dem sog. Kunstberg in der Oberstadt residieren mehrere interessante Museen für belgische und internationale Kunst, es gibt Gartenanlagen und zig Cafés. Auch das Musées Royaux des Beaux-Arts mit Werken von Hieronymus Bosch, Rogier van der Weyden, Rubens, van Dyck etc., findet ihr hier. Es gibt soviel zu sehen, dass ihr ohne weiteres einen ganzen Tag mit Kunst und Kultur verbringen könnt. Und für eine kleine Stärkung zwischendurch: Lasst euch auf keinen Fall das coole Museumscafé mit Terrasse über dem Skulpturengarten entgehen.

Beeindruckend – Das Atomium

Wenn euch bei all dem bunten Treiben mal nach Überblick ist, besteigt das Atomium. Das Wahrzeichen der Stadt stellt einen Elementarkörper aus Eisen dar und wurde 1958 anlässlich der Weltausstellung als Hommage an den Fortschritt errichtet. Das Kugelgebilde verfügt über Belgiens schnellsten Aufzug, der euch zur Panoramakugel bringt. Und ich verspreche nicht zuviel, wenn ich sage, dass die Aussicht auf 92 Metern einfach grandios ist!

Hier wird die Zukunft Europas entschieden

Natürlich darf ein Besuch im Quartier Européen, dem Europaviertel, nicht fehlen. Auf den ersten Blick dominieren gläserne Bürogebäude das Bild. Je weiter ihr in das Viertel kommt desto häufiger begegnen euch kleine Cafés und schöne Plätze. Das Europaparlament selbst liegt an der Rue Wiertz. Das ovale Gebäude bietet im lichtdurchfluteten Plenarsaal Platz für 751 Abgeordnete. Im Europaviertel, an dem sich wegen seiner Architektur viele Einheimische stören, sind unter anderem das Parlament, die Kommission und der Rat der Europäischen Union angesiedelt. In Zukunft soll das Viertel noch mehr gestaltet werden, um es nicht mehr als Fremdkörper wirken zu lassen und es insgesamt – auch als Wohnraum – attraktiver zu machen.

 Soviel Spaß: Comics, Bier und Manneken Pis

Bilder sagen mehr als Worte – Brüssel ist die Hochburg des Comics. Vielleicht liegt es daran, dass es in Brüssel so viele Sprachen gibt und deshalb Kommunizieren mit Bildern um einiges einfacher ist. Aktuell arbeiten über 400 Comic-Zeichner für belgische Verlage, die jährlich 30 Millionen Hefte veröffentlichen. Jeder kennt Die Schlümpfe von Peyo. Aber auch Lucky Luke und Tintin und Milou (Tim und Struppi) wurden hier erschaffen. Im Centre Belge de la Bande Dessinée könnt ihr nicht nur die Helden eurer Kindertage treffen, sondern euch auch einen Überblick über die Comic-Kunst insgesamt verschaffen – spannende Dauerausstellungen beleuchten einzelne Künstler.

Ja – und dann gibt’s in Brüssel noch Bier. Und zwar nicht irgendein Bier, sondern ein ganz besonderes: Der spezielle Hefetyp dekkera bruxeliensis löst eine Spontangärung aus. Für den Gärungsprozess verantwortlich sind unterschiedliche Bakterien und auch wilde Hefe, die aus der Luft aufgenommen wird. So entsteht das typische säuerliche-trübe Lambic, das in alten Eichenfässern bis zu drei Jahren reift. Die belgische Bierspezialität erinnert vom Geschmack leicht an Apfelmost, schmeckt also ungewohnt fruchtig.

Manneken Pis

Über die Brüsseler Mentalität habe ich schon anfangs geschrieben – und genau diesen Schalk und gewitzten Eigensinn bringt die Manneken Pis Figur auf den Punkt. Die 61 Zentimeter kleine Bronze-Figur ziert einen Brunnen an der Ecke Rue de Grands Charmes und Rue de L’Etuve. Warum der Manneken Pis so berühmt geworden ist, weiß keiner so recht. Aber der kleine pinkelnde Knabe hat Kultstatus und wird zu Fußball-WM schon mal mit einem Trikot eingekleidet.

Fashion – Brüsseler Designer erobern die Welt

Was macht sie aus, die DNA der belgischen Mode? Man sagt, dass die Designer es geschafft haben, einen ganz eigenen Stil zu kreieren. Spätestens in den 80er Jahren erlebte die belgische Modeszene den Durchbruch und zieht seither gleich mit den großen Modemetropolen.

Ein Beitrag dazu leisten sicher die Mode-Departments der Hochschulen für Gestaltung La Cambre und Saint-Luc. Brüsseler Designer erobern die Welt und Jahr für Jahr rücken neue, junge Talente nach: José Enrique Oña Selfa designt die Haute Couture für Loewe, Jean Paul Knott für Cerruti und Cédric Charlier entwirft für Cacharel – um euch nur ein paar Beispiele zu nennen.

Royal Gallery St. Hubert

Wenn ihr in Brüssel shoppen wollt, findet ihr alles, was das Herz begehrt. Entlang der Modemeile Rue Antoine Dansaert haben sich die Trend-Boutiquen bekannter belgischer Modemacher niedergelassen. Oder ihr lasst euch in der Avenue Louise von einem Geschäft zum nächsten treiben. Die Schuh-Liebhaberinnen unter euch erleben auf dem Elsensesteenweg auf der Höhe der Vredestraat ein wahres Eldorado – dort ist ein Schuhladen neben dem anderen.

Typisch Brüssel! Was ihr einmal gemacht haben solltet:

– Moules-frites essen: Miesmuscheln im Gemüsesud mit Pommes sind ein belgisches Nationalgericht.

– Pralinen probieren: Süße Pralinen aus ­Kakaobohnen stellt die Haute Chocolaterie von Pierre Marcolini her. Weltklasse!

– Pommes frites bei Maison Antoine holen: In der Pommesbude soll es die besten Pommes in ganz Brüssel geben. Die New York Times krönte Maison Antoine sogar zur besten Fritterie der Welt. Guten Appetit!

– Schlümpfe besuchen: In Brüssel gibt es den weltweit ersten Fanshop für Schlümpfe.

– Und zum Schluss – ein Bier: Im Malting Pot bekommt ihr 200 Spezialbiere aus Belgien und dem Ausland. Na dann, Prost!

Seid ihr überrascht, wie vielfältig Brüssel ist? Mir jedenfalls ging es so. Schreibt gern von euren Eindrücken!


Atomium by Hosein(hpjoojoo) CC BY 3.0 via Wikipedia, alle übrigen Shutterstock & privat, alle Recht vorbehalten.

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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