Jun 26, 2020

Schluss mit Body Shaming!

Der Anspruch, schön zu sein, wird in unserer visuellen und virtuellen Kultur immer wichtiger. Möglichst perfekt auszusehen, ist zu einem Ideal geworden, an dem sich viele abarbeiten. Es kann passieren, dass der ganze Selbstwert plötzlich von dem Grad abhängt, in welchem man dem gängigen Beauty-Ideal nahe kommt. Im Umkehrschluss passiert dann folgendes: Wer der idealen Norm nicht entspricht, degradiert sich selbst oder wird von anderen abgewertet. Das ist die Geburtsstunde von Body Shaming.

Body Shaming bedeutet so viel wie »Shaming someone for their body type«. Das Cambridge Dictionary definiert Body Shaming noch etwas detaillierter: »criticism of someone based on the shape, size, or appearance of their body.«. Dabei betrifft Body Shaming nicht nur fülligere Frauen (Fat Shaming), sondern auch sehr dünne Frauen (Skinny Shaming) und ältere Menschen. Auch Männer sind von dieser Art der Abwertung nicht ausgenommen, sie geraten durch medial inszenierte Ideale ebenso unter Druck. Jeder, der nicht der Beauty-Formel jung, schlank und sportlich entspricht, gibt aus dieser Perspektive Anlass zu Abwertung. Entweder von Dritten oder – und das ist genauso Bestandteil von Body Shaming – sich selbst gegenüber. Wir alle können uns beim Messen mit massiv inszenierten Schönheits- und Schlankheitsidealen in die Bredouille bringen.

Thigh Gap, Hip Dip und Superschlank

In dem Maß, in dem man sich selbst und andere nur nach der körperlichen Erscheinung bewertet – und das passiert ja meist unbewusst – werden die Maßstäbe immer rigider: Dann wird die perfekte Thigh Gapdie durchgängigen Lücke zwischen den Oberschenkeln bei geschlossenen Beinen – genauso entscheidend wie das Minimieren der Hip Dips, also der kleinen Dellen in den Rundungen der Hüfte. Wenn wir anfangen uns und andere zu vermessen, kostet das zunächst einiges an Lebensqualität, Freude und Spontaneität. Später kann das zu ernsten Problemen wie Depressionen und Essstörungen führen. Dabei betrifft Body Shaming nicht nur kräftigere Figurtypen, sondern auch Schlanke. Die stören sich dann an einem kleinen Bäuchlein oder den zu dünnen Beinen. Letztlich geht es immer um die Abweichung von einer starr definierten Norm – einem aktuell festgeschriebenen und gehypten optischen Idealbild. Das allein gibt schon zu denken, wenn man sich anschaut, dass sich die Ideale in den letzten Jahrzehnten immer wieder stark gewandelt haben – von Marilyn Monroe über Twiggy sowie den Supermodels der 80er Jahre bis hin zu dem aktuell angesagten athletischem Typ. Dazu kommt, dass die meisten Menschen schon immer nicht den gängigen Idealen entsprochen haben. Also viel Potenzial für handfestes Unglück. Wie kommt’s?

Absurd! Das Thigh Gap als Non-Plus-Ultra, die Hip Dips müssen ganz klar wegtrainiert werden…

Medien potenzieren die Idealbilder

In sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook oder YouTube werden perfekte Körper inszeniert. Sendungen wie »Germanys Next Topmodel« zeigen ein extrem einseitiges und idealisiertes Körperbild. Kein Wunder also, dass sich im Frühjahr bei vielen alles um die Bikinifigur dreht und Maße von 90-60-90 zum Allheilmittel für alle Probleme und jedes Gefühl von Unglück stilisiert werden. Die Medien und sozialen Netzwerke tragen sicher dazu bei, uns zu konditionieren, schlanke und trainierte Körper als »normal« zu empfinden. Unmerklich verschieben sich so die Maßstäbe – weg vom natürlichen Körper hin zum Ideal. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Social Media, Instagram und YouTube – würden wir aber in einer weniger visuell orientierten Welt leben, welche nicht all die kurzfristigen Sinneseindrücke bieten könnte, wäre Body Shaming vermutlich kein so allgegenwärtiges Phänomen. Ganz einfach schon deswegen, weil sich eine bestimmte Form der Attraktivität nicht so stark als Ideal in den Köpfen festsetzen könnte.

Der Körper als Imageträger

Doch leider sieht die Realität anders aus. Besonders fülligere Menschen werden – allein aufgrund ihrer Erscheinung(!) – schnell mit charakterlichen Zuschreibungen wie faul, disziplinlos, unmäßig und hässlich bedacht. Schlankere sind folglich dann automatisch sportlich sowie hübscher und werden als glücklicher wahrgenommen. In der Realität ist weder das eine noch das andere zutreffend. Ohne sich die Mühe zu machen, die Person genauer zu betrachten, werden vorgefertigte Bilder abgespult. In der Folge wird der Körper zum sichtbaren Statussymbol: In einer Gesellschaft des Überflusses steht dann plötzlich ein schlanker Körper für positiv konnotierte Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Willenskraft und Stärke.

Wie weit diese Haltung, dass dickere Menschen weniger diszipliniert und leistungsfähig sind, gesellschaftlich verankert ist, zeigt eine erschreckende britische Studie. Diese hat evaluiert, dass schlanke Frauen und große Männer bezüglich beruflicher Position und Einkommen erfolgreicher sind. Das heißt nichts anderes, als dass Body Shaming am Arbeitsmarkt sehr wirksam am Werk ist und zu knallharter Diskriminierung führt. Wir reden hier also nicht über ein rein privates Problem, sondern auch darüber, dass aufgrund von Äußerlichkeiten Zugangschancen zu Jobs erschwert werden.

Das jüngste prominente Beispiel für Body Shaming kommt aus der Entertainment-Branche. In der Show »America’s Got Talent« zeigte die 19-jährige Tänzerin Amanda LaCount auf der Bühne ihr Talent. Heidi Klum, Jurymitglied bei der Show, drückte den roten X-Buzzer – das Signal dafür, dass die Tänzerin nicht in die nächste Runde kommen soll. Heidi Klum wird aus meiner Sicht von kritischen Stimmen zurecht vorgeworfen, dass sie die talentierte Plus-Size-Tänzerin wegen ihrem Figurtyp diskreditiert habe.

Dass keiner von uns vor Body Shaming gefeit ist, zeigen folgende Aussagen, die wir vielleicht schon von Freundinnen gehört oder sogar selbst formuliert haben: »Mit meinem Speckbauch kann ich doch keinen Bikini tragen« oder »Wenn ich so dünne Stelzen hätte, würde ich aber nicht in Skinny Jeans herumlaufen.« oder »Bei den kurzen Beinen einen Minirock zu tragen, ist echt mutig.« Genau da fängt Body Shaming an. Direkt im Alltag. Direkt bei uns selbst. Es sind auch diese kleinen, unbedachten Bemerkungen, welche großen Schaden anrichten können.

Emanzipation vom Diktat der Schönheit

Wenn aber Abweichungen von einem definierten Ideal abgelehnt und als »minderwertig« bekämpft werden, ist das ein großes Problem: Body Shaming ist mittlerweile überall. Meist beginnt das Bewerten, Vermessen und Vergleichen schon in der Pubertät. So kann der ständige Druck entstehen, »richtig im Sinne von »normgemäß« und »perfekt« sein zu müssen, um im allgemeinen Beauty-Wettbewerb zu bestehen. Eine WHO-Studie hat gezeigt, dass etwa 50 Prozent der Jugendlichen sich zu dick fühlen, obwohl knapp 80 Prozent Normalgewicht haben. Sehr schnell verankert sich eine Haltung, welche den Wert eines Menschen rein über die Optik bestimmt. Äußeres aber kann niemals den Wert einer Person definieren. Diese gefährliche Verwechslung, dass Schönheit jemandem zu einem besseren oder glücklicheren Menschen macht, ist fatal. Denn sie verkennt, dass es auf etwas anderes ankommt – nämlich auf die Persönlichkeit, auf die Weltsicht und auf das ganz eigene So-Sein eines jeden Einzelnen. Denn genau das ist es, was uns besonders und einzigartig macht und nicht ein auf Norm gedrillter Körper.

Superstar Billie Eilish setzt sich in Interviews und auf ihren Social-Media Kanälen immer wieder intensiv mit Body Shaming auseinander. Sie erklärt Body Shaming zu einem der Gründe für ihre meist weite Kleidung sowie ihre Layering-Looks. In einer Calvin Klein-Werbung sagt sie in Bezug auf ihre Looks: »Niemand kann eine Meinung haben, weil niemand gesehen hat, was darunter ist.« In ihrem kritischen Clip »Not my responsibility« setzt sie sich auch mit dem Thema ungefragter Bewertung ihres Körpers auseinander und gibt ein klares Statement gegen Body Shaming ab. Während sie sich langsam im Halbdunkel auszieht, spricht sie ein beeindruckendes Voice-Over: »Willst du, dass ich kleiner bin? Schwächer? Weicher? Größer? Willst du, dass ich still bin? Provozieren dich meine Schultern? Meine Brust? Bin ich mein Bauch? Meine Hüften? Der Körper, mit dem ich geboren wurde, – ist er nicht das, was du wolltest?«

 

»Body shaming should be as unacceptable as other forms of discriminatian.«
(Prof. Heather Widdows)

Body Shaming ist Diskriminierung. Jemand wegen äußerlicher Merkmale zu bewerten, ist ein klassisches Instrument jeglicher Form von Ungleichbehandlung. Body Shaming ist nicht tolerabel. Aber wie kann man ein so komplexes gesellschaftliches und individuelles Phänomen abstellen und aus den Köpfen bringen? Ich habe kürzlich Heather Widdows‘ Buch »Perfect me« gelesen, das feststellt, dass Schönheit längst als »ethisches Ideal« funktioniert. Und damit jede Handlung, welche der Selbstoptimierung dient, moralisch gut ist: »(…) Beauty is functioning as an ethical ideal. And by that, I mean that it’s people’s moral framework. So when they say things like “you let yourself go” or “I’ve been good today! I went tot he gym!” they’re making very moral claims. And they really think that they are good or bad, better or worse depending on how well they conform to the beauty ideal.» Wer also dem Schönheitsideal möglichst nahe kommt, bewertet sich selbst als gut und wird auch von anderen als gut bewertet. Das zeigt, wie tief diese Haltung verankert ist.

In den letzten Jahren haben immer wieder Gegenbewegungen die Stimme erhoben, welche sich klar gegen Bodyshaming und überzogene Schönheitsideale aussprechen: #bodypositive, #NotHeidisGirl, #FreeTheNipple. Die Body Positivity-Bewegung sagt, dass jeder Körper schön ist – egal, ob schlank oder kräftiger, ob unter den Achseln und in der Bikinizone rasiert oder nicht, ob mit oder ohne Dehnungsstreifen an den Oberschenkeln. Ihre VertreterInnen geben zu bedenken, dass Schönheitsideale häufig von Männern festgelegt werden, welche bestimmen, wie eine Frau auszusehen hat. Und damit der ganze Kult um Aussehen auch die Handschrift des Patriarchats trägt. Und da ist viel dran. Ich finde diese Bewegung gut und wichtig – allerdings greift sie aus meiner Sicht etwas zu kurz, da das Problem oft tiefer liegt.

Denn besonders anfällig für Body Shaming dem eigenen Körper gegenüber sind wir – egal, ob Mann oder Frau – vor allem dann, wenn wir grundsätzlich ein negatives Selbstbild haben. Denn Body Shaming fängt bei jedem von uns an. Hinter dem Sich-Vermessen, sich an Ideale anpassen wollen, sich Gleichmachen-Wollen, also letztlich der Überanpassung an medial suggerierte Perfektion steht immer ein geringes Selbstbewusstsein. Das trifft dann auf kollektiv vorhandene und vermittelte Vorstellungen von Schönheit und schon beginnt der Teufelskreis um Selbstoptimierung, Gewichtsreduzierung, Fitness-Zwang und Schöner-Sein-Müssen als das Gegenüber. Wo bei dieser Dynamik sprichwörtlich das Huhn und wo das Ei ist, lässt sich schwer sagen. Denn hier greifen gesellschaftliche und persönliche Aspekte ineinander. Dennoch, überlegt mal: Wie absurd ist es eigentlich, den eigenen Wert oder den eines anderen Menschen an Äußerlichkeiten festzumachen?

Wie also aussteigen? Für mich geht es schon damit los, dass Schönheit viele Gesichter haben kann. Und zwar völlig unabhängig von Maßen oder Formen. Ich habe oft genug Frauen oder Männer getroffen, welche von der ersten Sekunde an mit ihrer Ausstrahlung und Attraktivität den Raum gefüllt haben, begeisternd anziehend und faszinierend waren. Die wenigsten hätte man rein äußerlich normieren oder auf Idealmaße reduzieren können. Dazu kommt, dass ästhetisches Empfinden immer auch eine stark subjektive Komponente hat. Allein meine beste Freundin und ich haben schon eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung von Attraktivität. Ich will damit sagen, dass eigentlich genug Platz ist für Vielfalt und für ganz unterschiedliche Ausdrucks- und Sichtweisen von »Schön«, dass Schönheit wenig mit Perfektion zu tun hat und manchmal Menschen einen außergewöhnlichen Charme haben, der nicht an bloßen optischen Tatsachen festzumachen ist.

Im Gegenteil: Besinnt euch darauf, wer ihr seid und vergesst Idealmaße! Dass es immer wieder Schönheitsideale gibt, finde ich nicht problematisch, sondern normal. Diese orientieren sich häufig an Zeitgeist-Fragen, also beispielsweise gelten in ärmeren Gesellschaften fülligere Figurtypen als ideal, in reicheren eher schlankere. Und das kann sich genauso mit den Jahren wieder verändern – Twiggy, Marilyn Monroe, die Kardashians und und und … Schwierig wird es erst dann, und das passiert ja gerade, wenn diese Ideal-Projektionen zum Dogma werden und jede Abweichung abgewertet wird. Wenn Individualität keinen Platz mehr haben darf.

Wer sich in seiner Haut wohl fühlt, ist attraktiv. Und ich behaupte sogar: Alle, die mit sich selbst gut klarkommen, können auch andere so lassen, wie sie sind – ohne sie abzuwerten oder verächtlich machen zu müssen. Und dieses Selbstbewusstsein im Wortsinn – also nichts anderes als gesunde Selbstakzeptanz – ist eben nicht durch äußere Optimierung zu erreichen. Sondern durch innere Haltung. Vielleicht ist das das »Geheimnis«. Die Idee, dass Glück – und darum geht es letztlich – durch Äußerlichkeiten zu gewinnen wäre, ist falsch. Lasst uns aufhören, Körper zu kritisieren und stattdessen lieber jeder Art von Body Shaming die rote Karte zeigen! Und uns vielmehr auf die Suche machen nach der individuellen Schönheit jeder/jedes Einzelnen. Ich wette, dass diese Art, die Menschen und sich selbst zu betrachten glücklicher macht als jede Optimierungsbemühung. Und letztlich ist es doch so, wie bereits Audrey Hepburn in aller Einfachheit gesagt hat»Happy girls are the prettiest.«

Wie steht ihr zu dem Thema? Welchen Platz nimmt die Frage nach der Idealfigur in eurem Leben ein? Lasst uns gern ins Gespräch kommen und postet eure Meinung in den Kommentaren.

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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