Jul 2, 2018

No Man’s Land. Exklusive Frauenclubs – ein feministischer Trend oder mehr?

Über Jahrhunderte schon erfreuen sich Männer aus aller Herren Länder exklusiver Territorien. Sie trafen und treffen sich in privaten Clubs mit Chesterfield-Ledersesseln in rauchigen Zigarren-Lounges.

Als Gegenentwurf zu diesen alteingesessenen Gentlemen Clubs entstehen im Zuge der Welle des Female Empowerment und von Frauenrechtsbewegungen wie #MeToo und Time’s up aktuell exklusive Frauenclubs. Frei vom Altherren-Mief der Gentlemen’s Clubs und Verbindungshäuser schaffen Frauen für Frauen jetzt (Begegnungs-)Räume, um sich wechselseitig zu inspirieren, um kreativ zu sein, zu diskutieren oder einfach, um sich zu entspannen. Dort können Lesungen, Film-Previews, Fitness-Kurse oder Yoga-Lessons stattfinden. Das Interieur ist häufig ästhetisch, stilvoll, hochwertig – gern in skandinavischem Design und frei von Kitsch. Es gibt eine Art-Déco-Bar, eine Lounge, eine Bibliothek. Dazwischen liegen Arbeits- und Besprechungsräume mit angenehmem Hintergrund-Sound. Die Idee dahinter? In jeder City sollen Frauen einen Rückzugsraum finden. Zum Entspannen und zum Arbeiten. Ungestört von Männern. Der Anspruch? Empowerment. Für euch habe ich mir mal zwei der bekanntesten Frauenclubs näher angeschaut.

The Wing in New York – mit von der Partie: das Who’s Who der Ladybosse

The Wing liegt mitten in Manhattan und versteht sich als exklusiver Gemeinschaftsraum für Frauen – gegründet von Audrey Gelman und Lauren Kassan. Die Gründerinnen selbst bezeichnen The Wing als „dritten Raum zwischen Zuhause und dem Office“. In einem Interview mit der New York Times sagte Audrey Gelman: “We still believe women deserve spaces of their own.” Dabei sind Business-Frauen genauso willkommen wie Frauen, die Netzwerke knüpfen möchten. Nicht zugelassen sind Männer – im Gegensatz zu anderen Clubs in New York wie dem Colony Club oder dem Cosmopolitan Club, die Männer als Begleitung oder als Gäste der weiblichen Mitglieder willkommen heißen. Die Mitgliedschaft im Club kostet übrigens rund 3000 US-Dollar im Jahr.

Wer sind die Gründerinnen und wie kamen sie im Sommer 2015 auf die Idee für The Wing? Audrey Gelman ist nicht nur eine erfolgreiche Businessfrau, sondern auch Feministin aus Leidenschaft. Schon in jungen Jahren machte die 29-jährige, die mit Skandalfotograf Terry Richardson liiert war, Karriere als politische PR-Beraterin. Sie unterstützte unter anderem Hillary Clinton während der Wahlkampagne 2008. Als sie sich an einem heißen Sommertag zwischen zwei Meetings wieder einmal in einer öffentlichen Toilette umziehen musste, kam Audrey Gelman die Idee, einen „dritten Raum“ für Frauen zu schaffen – nicht nur, um sich zu stylen, sondern auch um zu netzwerken, sich gegenseitig zu inspirieren und vielleicht auch, um von dort aus den Aufstieg des Matriarchats zu befördern. Dazu tat sie sich mit Social Media-Profi und Unternehmensberaterin Lauren Kassan zusammen: The Wing war geboren – der erste exklusive Club und Co-Working Space in Manhattan ausschließlich für Frauen. Weitere prominente Unterstützerinnen waren schnell gefunden: Fashion-Ikone und Man Repeller Leandra Medine, Into The Gloss und Glossier-Gründerin Emily Weiss sowie Transgender Model Hari Nef etc.

Dreamy desk 💕 @the.wing

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Und der Erfolg gibt ihnen recht. Die Idee kommt an und hat offensichtlich einen Nerv getroffen: Mittlerweile eröffnete The Wing in New York bereits ein weiteren Club und in Brooklyn und in Washington D.C. sind zusätzliche in Planung. Nach der amerikanische Westküste schließen die Gründerinnen auch eine internationale Expansion nicht aus. Bislang konnten sie etwa 42 Millionen US-Dollar einsammeln. 1500 zahlende Mitglieder hat The Wing derzeit, Tausende sind auf der Warteliste.

„Eine Frau muss Geld haben und einen Ort für sich.“ –  Virginia Woolf

AllBright in London –  The zeitgeist is really with us!

Die jüngste Eröffnung eines exklusiven Frauenclubs fand kürzlich in London statt: Am 8. März 2018, dem Internationalen Frauentag, öffnete das AllBright in einem Backsteingebäude im georgianischen Stil in der Nähe der Oxford Street seine Pforten: als Kreativraum für Unternehmerinnen.

Auch hier zeichnen zwei erfolgreiche Macherinnen verantwortlich: die Startup-Unternehmerin Debbie Wosskow und die ehemalige Chefin der Hearst Media Group Anna Kristina Jones. Ihre Motivation erklären die Gründerinnen so: Obwohl Großbritannien zurzeit mit Theresa May zum zweiten Mal von einer Frau regiert wird, ist es von einer Gleichstellung der Geschlechter noch weit entfernt. Das AllBright soll mithelfen, das zu ändern. Das erklärte Ziel ist es, das Land zum besten Ort der Welt für eine arbeitende Frau zu machen. The zeitgeist is really with us!, sagt Debbie Wosskow. Der Club versteht sich als Kombination aus Networking und gutem Essen, Cocktails und Veranstaltungen.

Hier können Mitglieder im Gegensatz zum The Wing auch Männer als Gäste einladen. Niemand will Männer ausschließen, dennoch ist die herrschende Meinung, dass exklusive Orte für Frauen wichtig sind.

Bis jetzt hat der Club von Frauen für Frauen schon 400 Mitglieder und eine lange Warteliste und tritt damit erfolgreich in die Fußstapfen von Clubs wie dem bereits 2017 eröffneten We Heart Mondays – der jüngeren, Hipster-konformeren Variante.

For Ladies Only: Frauenclubs gab es schon im 19. Jahrhundert

Wenn man sich mit der Geschichte der Frauenclubs beschäftigt, stellt man fest, dass sie bis weit ins 19. Jahrhundert zurückgeht. Eine alte Idee also, die im Moment eine Renaissance erlebt. Einer der berühmtesten Clubs war der 1892 von Emily Massingberd gegründete Pioneer Club –  ein avantgardistisch-feministischer Kulturzirkel in London.

Diese geschlossenen Zirkel schafften schon damals Raum für Frauen, um familiären und sozialen Zwängen wenigstens für kurze Zeit zu entkommen. Die Schriftstellerin Virginia Woolf drückte es so aus „ein Ort für sie selbst“. Passend dazu ziert ein Woolf-Zitat aus dem 19. Jahrhundert das Glasfenster neben dem diskreten Eingang des AllBright: „Eine Frau muss Geld haben und einen Ort für sich.“

In den 1920er Jahren erreichten die Frauenclubs schließlich ihre Hochphase. Mit der Weltwirtschaftskrise und den zwei Weltkriegen gerieten sie immer mehr in Vergessenheit. Nach dem Krieg wurden die Frauen weitgehend in die heimischen Sphären verdrängt, Frauen trafen ihre Freundinnen zum gemeinsamen Kinder hüten oder zur Hausarbeit. Insgesamt fand weibliche Gemeinschaft ausschließlich im Privaten statt. Bis heute haben mehrere Feminismus-Wellen auch öffentliche Räume wieder neu definiert haben. Aber haben sie das wirklich? Und was ist erreicht und was nicht?

Exklusive Männerzirkel sind gang und gäbe – vor allem in den Führungsetagen

Im Vergleich zu früher haben sich die Dinge sicher zum Besseren entwickelt – erinnern wir uns kurz: Erst 1977 wurde das Gesetz geändert, so dass Frauen, die arbeiten wollten, nicht mehr die Erlaubnis des Mannes brauchten. Bis 1. Juli 1958 konnte jeder Mann den Anstellungsvertrag seiner Frau ohne deren Zustimmung fristlos kündigen. Trotzdem ist Gleichberechtigung noch immer nicht vollständig verwirklicht. Frauen leben – auch in Deutschland – noch nicht in einer geschlechtergerechten Gesellschaft. Das zeigt sich auch bei der Besetzung von Spitzenpositionen. Diese bekommen fast immer die Männer. Ein Grund dafür ist auch, dass in höchsten Management-Ebenen meist eingefleischte Männerzirkel das Sagen haben. Und diese wollen keine Frauen in ihren Kreisen. Nur jede vierte Führungskraft in Top-Positionen ist weiblich. In Deutschland stellen Frauen nur 12 Prozent der Führungskräfte in Dax-Konzernen – und das, obwohl mehr als 50 Prozent der Hochschulabsolventen hierzulande Frauen sind. Die gläserne Decke trennt Frauen mit Aufstiegsambitionen noch immer von höheren Positionen. Sobald Frauen Mütter werden, werden sie meist beruflich disqualifiziert. Ganz zu schweigen von der Gender Pay Gap – also der weit verbreiteten Ungleichheit zwischen Frauen und Männern im Hinblick auf Gehälter. Oft wird Angela Merkel ins Spiel gebracht als Frau, der es im November 2005 gelang das höchste Amt der Bundeskanzlerin zu bekleiden. Damit blieben Männer in der Politik nicht mehr länger unter sich. Leider aber ist Angela Merkel nicht die Regel, sondern eher eine bemerkenswerte Ausnahme.

Diskriminieren Frauenclubs jetzt die Männer?

Deshalb dürfen Frauen auch nicht aufhören, sich für ihren Anteil an Macht und Einfluss weiterhin einzusetzen. Und dafür brauchen sie Räume, in denen gelebtes Empowerment möglich ist.

Ich finde die Idee wunderbar, dass Frauen sich gegenseitig stärken, beraten und vernetzen – anstatt sich im Kampf um die vermeintliche Gunst von mächtigen Männern gegenseitig zu schwächen und zu bekämpfen. Frauen sollten zusammenhalten, um die Machtstrukturen sukzessive zu verändern. In den Räumlichkeiten von Frauenclubs sind Frauen unter sich. Ob Arbeit und Networking oder Inspiration und Entspannung. Ich glaube daran, dass allein das Wissen, von Männern unbeobachtet zu sein, positive Dynamiken in Gang setzen kann.

Natürlich kann man hier einwenden, dass ein Club, der Männer größtenteils ausschließt, wiederum seinerseits diskriminiert. In diesem Fall werden die Männer ja faktisch ungleich behandelt. Dazu muss man sich aber, so meine Meinung, die Absicht der Clubs noch einmal vor Augen halten: In Frauenclubs werden Männer nicht ausgeschlossen, um sie zu dämonisieren oder sich über sie zu erheben, sondern um mehr Raum für das Miteinander von Frauen zu schaffen. Dazu kommt: Im AllBright in London beispielsweise sind Männer als geladene Gäste der weiblichen Mitglieder willkommen. Das kann man von eingefleischten Männerzirkeln häufig nicht behaupten.

Step into your office 🤩

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Frauenclubs können das gesamtgesellschaftliche Sexismus-Problem nicht lösen. Soviel ist sicher. Aber sie können dazu beitragen, Frauen zu stärken – im geschützten Raum und in der Gemeinschaft mit anderen Frauen, die vielleicht ähnliche Themen, Erfahrungen, Fragen oder Karrierehemmnisse haben. Das langfristige Ziel muss es sein, wirkliche Gleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen. Das heißt vor allem auch, langgewachsene Rollenmodelle zu ändern und Möglichkeiten für berufstätige Frauen mit Kindern zu schaffen. Um das zu erstreiten, werden Frauen noch viel Kraft und Engagement brauchen – und vor allem einen langen Atem. Diese Power aufrechtzuerhalten – dazu leisten aus meiner Sicht Frauenclubs einen wesentlichen Beitrag.

Goodbye Gentlemen’s Club – Frauenclubs in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es schon einige Vereinigungen und clubartige Konzepte nur für Frauen. Der „echte“ Frauenclub, wie in London oder New York, lässt (noch) auf sich warten. Sicher nicht mehr lange.

Pass It On: Welcome to the movement: Empowerment für Frauen als Leaders -> Mehr Infos

Bundesverband der Frau in Business und Management e.V.: Setzt sich für gesellschaftliche Gleichberechtigung von Frau und Mann – besonders auf Managementebene – ein -> Mehr Infos

Digital Media Women (DMW) e.V.: Die Mitglieder arbeiten in klassischen Männerdomänen und tauschen sich aus -> Mehr Infos

Art Lover’s Club Berlin: Erstes Netzwerk für die weiblichen Protagonisten der Kunstszene -> Mehr Infos

MomPreneurs: Für Frauen, die Mutter und Unternehmerin zugleich sind -> Mehr Infos

Ladies Circle Deutschland & Tangent Club Deutschland: Networking-Plattform sowie deren Nachfolgeorganisation für Frauen ab 42 -> Mehr Infos hier & hier

ZONTA International: Hier treffen sich berufstätige Frauen in verantwortungsvollen Positionen, um zu netzwerken -> Mehr Infos

Habt ihr euch schon einmal mit Frauenclubs beschäftigt? Was haltet ihr von der Idee? Glaubt ihr, dass diese Art von Frauenpower etwas bewirkt? Und: Würdet ihr The Wing oder das AllBright gern mal besuchen?

Christine

von

Fashionista und Schreiberin, die für Euch auf die Jagd nach guten Looks, spannenden Trends und neuesten Style-Inspirationen geht. Und zwischendurch einen Blick hinter die Kulissen von Ana Alcazar wirft, um über People, Shootings und den ganz normalen Wahnsinn eines kreativen Labels zu berichten.

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