Jun 15, 2024

Gender Gift Gap – auch keine Gleichstellung beim Erben

Wir alle kennen sie – die vielen Lücken, die im Leben einer Frau klaffen: die Gender Pay Gap – Frauen verdienen weniger, die Gender Pension Gap – Frauen verlieren durch Care-Arbeit Rentenpunkte und die dritte im Bunde, die Gender Lifetime Earnings Gap – die Tatsache, dass Frauen lebenslang weniger erwirtschaften als Männer. Aber das ist leider noch immer nicht alles. Selbst der Tod macht uns Frauen nicht gleich. Denn wir ziehen auch, wenn es um die Weitergabe von Unternehmen und Vermögen geht, den Kürzeren. Die traurige Wahrheit: Männer erben durchschnittlich mehr und bekommen auch mehr Schenkungen als ihre weiblichen Geschlechtsgenossinen. Frauen sind also – zumindest im direkten Vergleich mit Männern – ziemlich arm dran. Nicht nur der Verdienst ist geringer, auch das Vermögen ist im Durchschnitt niedriger. Das belegt eine im April 2023 veröffentlichte Studie über das Geschlechtergefälle beim Erben.

 

Die Fakten zur geschlechterspezifischen Erbschaftslücke

(Anaylsiert von Daria Tisch und Manuel Schechtl vom Max-Planck-Institut)

  • • Frauen erhalten insgesamt 37% weniger Schenkungen
  • • Frauen profitieren 13% weniger von Erbschaften
  • • Der Wert der Frauen zugedachten Erbschaften ist um 7% geringer als der Wert bei Männern
  • • Die Gender Tax Gap bei Schenkungen liegt bei 22 %
  • • Die Gender Tax Gap bei Erbschaften liegt bei 2%

 

Die Sache mit dem Wohlstand

Es ist ein offenes Geheimnis: obwohl der Anteil der Frauen am Arbeitsleben in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise zugenommen hat, verdienen Frauen nach wie vor weniger als Männer. Auch die Gründe dafür sind bekannt. Nach der Geburt eines Kindes reduzieren tendenziell eher die Mütter ihre Stunden und übernehmen mehr unbezahlte Care-Arbeit. Frauen erreichen seltener Führungspositionen und sind bei Spitzeneinkommen unterrepäsentiert. Und dann gibt es da noch die beklagenswerten patriarchalischen Strukturen, Männer-Zirkel, die Frauen ungern in ihre Kreise aufnehmen und die berühmt-berüchtigte gläserne Decke. Sie verhindert endgültig, dass Frauen ganz nach oben kommen. Die sog. Gender Wealth Gap speist sich aus all diesen Faktoren.

 

 

Folglich ist es für Frauen schwerer, Ersparnisse anzuhäufen und nachhaltig Rücklagen zu bilden. Das gilt zwar nur bedingt für wohlhabende Familien – aber auch da lässt sich eines klar feststellen: Je reicher Mann und Frau sind, umso größer werden die Vermögenslücken zwischen ihnen. Egal, wie reich Frauen also sind, Männer sind im Schnitt trotzdem reicher. Der Global Wealth Equity Index beziffert die Vermögenslücke zwischen den Geschlechtern in Deutschland auf 74 Prozent. Frauen haben bis zur Rente also rund ein Viertel weniger Vermögen angesammelt als Männer. Einen Ausgleich könnten Erbschaften schaffen. Diese könnten gerade Frauen helfen, ihre Finanzen abzusichern. Aber weit gefehlt, die Zahlen belegen etwas anderes. Warum auch bei diesem Thema wieder Ungleichheit zwischen den Geschlechtern herrscht, erfährst du in diesem Beitrag.

 

Hättest du‘s gewusst?

Mehr als die Hälfte des gesamten privaten Vermögens werden in Form von Erbschaften, Vermächtnissen und Schenkungen von Generation zu Generation weitergegeben.

 

Erben und Gleichstellung – die Gender Gift Gap

Von der Tellerwäscherin zur Millionärin – das Ideal des sog. Amerikanischen Traumes ist lange schon widerlegt. Die wenigsten wohlhabenden Menschen – und das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen – haben ihr Vermögen durch Fleiß, Disziplin, Leidenschaft und bloße Arbeitsleistung erreicht. Ökonomen und Ökoniminnen zufolge stammt der Großteil ihrer Werte nicht etwas aus Arbeit, sondern vielmehr aus Erbschaften: „Geschätzt stammen rund 60 Prozent des Vermögens in Deutschland aus Erbschaften und Schenkungen“, so Marcel Fratzsch, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Was zunächst alle Menschen betrifft, die nicht in Millionärsfamilien geboren wurden, benachteiligt aber vor allem wieder das weibliche Geschlecht. Denn, man will es fast nicht glauben, Töchter werden auch beim Erben häufig anders behandelt als ihre Brüder: Steuerbefreites Unternehmensvermögen wird doppelt so häufig an Männer verschenkt oder vererbt.  Und auch das aktuelle Steuerrecht macht die Sache nicht besser, sondern verstärkt leider die Ungleichheit weiter. Aber der Reihe nach.

 

 

Was hat es überhaupt mit der geschlechtsspezifischen Erbschaftslücke auf sich? Wie entsteht sie? Verantwortlich für die fatale Entwicklung sind die landläufig weit verbreiteten traditionellen Denkmuster. Auf Basis konservativer Prägung ist es in vielen Familien üblich, Söhnen den Betrieb zu übergeben. Um sie frühzeitig an das Unternehmen heranzuführen, die sie später einmal leiten sollen, erhalten sie es als Schenkung. Das ist in der Stadt und auf dem Land ähnlich, wo auch der elterliche Bauernhof oder Forstbetrieb in der Regel häufiger dem männliche Nachkommen übertragen wird. Und das schon seit Generationen. Konkret bedeutet das, dass Söhne ihren Teil des Erbes schon in früheren Jahren erhalten, eben dann, wenn die Eltern in Rente gehen. Relativ jung verfügen sie somit über Vermögen, dass sie im Laufe der Jahre mehren können. Daria Tisch und Manuel Schechtl belegen in oben genannter Studie, dass Unternehmen etwa doppelt so häufig an Söhne verschenkt werden wie an Töchter. Was Erbschaften betrifft, werden Frauen und Männer folglich nicht gleich behandelt.

Für die Töchter – und das ist statistisch erwiesen – sieht es anders aus. Sie erhalten nach dem Ableben der Erblassenden eine klassisches Erbschaft: Meist sind das Bargeld oder Aktien. Und jetzt kommt’s: Darauf fallen höhrere Steuen an als auf vererbte oder verschenkte Unternehmen oder Immobilien. Unternehmen haben –steuerlich gesehen – Vorteile. Betriebe können von 85% bis zu 100% von der Erbschaftssteuer befreit sein. Söhne kommen also häufiger in den Genuss von Steuerbefreiungen, während Töchter das Geerbte, das oft weniger wert ist, auch noch höher versteuern müssen. Um es auf den Punkt zu bringen: Töchter bekommen später im Leben weniger Geld und müssen davon mehr an den Fiskus abgegeben als Söhne. Von Ausnahmen, also Steuerbefreiungen, bei der Erbschaftssteuer profitieren also überwiegend Männer.

 

Leistung zu erbringen, heißt nicht, reich zu werden

Wer Erfolg hat in unserer Gesellschaft, der hat viel geleistet – so die gängige Erzählung. Fakt aber ist: Das große Geld verdienen die wenigsten durch harte Arbeit, sondern durch Erbe – Frauen haben hier das Nachsehen. Dafür gibt es Gründe:

  • • Eine konservative Einstellung innerhalb von Familien
  • • Frauen erhalten geringere Werte als Schenkungen
  • • Frauen erhalten geringere Werte als Erbschaft
  • • Ein Steuersystem, dass Frauen in Deutschland indirekt benachteiligt

 

Weniger erben, mehr zahlen: Die Gender Tax Gap befeuert die Gender Gift Gap

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wird also nicht nur durch das Übertragungsverhalten in Familien vergrößert, sondern auch durch die Erbschafts- und Schenkungssteuer. Männer profitieren, wie oben beschreiben, in stärkerem Maße von Steuerbefreiungen, weil sie Vermögenswerte in höheren Dimensionen wie Betriebsvermögen oder Unternehmen erben. Das Steuerrecht begünstigt sie als Erben von Betriebsvermögen, indem es Betriebsvermögen bei der Unternehmensnachfolge unter bestimmten Voraussetzungen vollständig von der Erbschaftsteuer und Schenkungsteuer loslöst. Da der Familienbetrieb immer noch häufiger von Söhnen als von Töchtern weitergeführt werden soll, kommen die männlichen Erben hier in den Genuss von erheblichen Vorteilen.

 

Industrieunternehmen werden deutlich seltener an Frauen vererbt.

 

Wie kann der Generationenwechsel gerechter werden?

Betriebsvermögen ist weitgehend von der Erbschafts- und Schenkungssteuer freigestellt. Selbst wenn Frauen den gleichen Betrag in Geld erben, erhalten sie weniger. Denn Barvermögen ist bei der Erbschaft voll zu versteuern!

 

Halten wir also fest: Männer bekommen den Betrieb, Frauen das Familienheim oder den Goldschmuck von Oma. Frauen werden mit weniger und vor allem anderen Werten bedacht. Eigentlich müssten sie dann auch weniger Erbschaftssteuer bezahlen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Durch die unterschiedliche Besteuerung der Vermögenswerte zahlen Frauen im Durchschnitt laut Studie etwas mehr Erbschaftsteuer – nämlich 4,4 Prozent, während Männer 4,3 Prozent leisten. Das mag erstmal vernachlässigenswert klingen, ist es aber nicht. Denn auch das summiert sich. Bei der Schenkungssteuer gibt es ebenso Unterschiede: Männer zahlen im Durchschnitt 2,5 Prozent, Frauen dagegen 3 Prozent. Auch das erscheint geringfügig, kann aber viel ausmachen. Ein Beispiel: Erhielten ein Mann und eine Frau Schenkung im Wert von 500.000 Euro, zahlt sie 3.250 Euro mehr an den Fiskus als ein Mann.

 

Auch Freibeträge untermauern die Gender Tax Gap

So verrückt es zunächst klingen mag: Ein weiteres Thema sind die gutgemeinten und willkommenen steuerlichen Freibeträge beim Schenken und Vererben. Der Staat gewährt den nächsten Verwandeten wie den Kindern einen Freibetrag von 400.000 Euro. Weil Männern öfter teurere Schenkungen zugesprochen bekommen, profitieren sie auch stärker von diesen Freibeträgen als das weibliche Geschlecht.

 

»Die Gender Gift Gap trägt wesentlich dazu bei, dass Frauen weniger Vermögen haben als Männer.«

_Daria Tisch

 

Über Geld zu reden, ist wichtig

Die Vermögensungleichheit zwischen den Geschlechtern ist nicht nur ungerecht, sie zementiert ein weiteres Mal die ohnehin vorherrschende Dysbalance. Umso entscheidender ist es, sich ein Herz zu fassen und in der eigenen Familie und mit den Eltern oder den Großeltern über das Thema Erbe und die Folgen der Gender Gift Gap zu sprechen. Generationsübergreifende Finanzplanung ist wichtig – und richtig. Sie kann einen Beitrag zu mehr Gleichberechtigung leisten. Leider sind gerade das Thema Erbe und Nachlass oft mit einem Tabu belegt, das je nach Familien-DNA eine hohe Hemmschwelle mit sich bringen kann. Glaubenssätze wie »Über Geld spricht man nicht« sind hinderlich, wenn es darum geht, die Dinge fair zu regeln.

 

In den Familien schon früh über Geld sprechen – und wie man Vermögenswerte gerecht verteilt

 

Dennoch: Es ist unumgänglich, reflektierte Entscheidungen zu treffen und über finanzielle Angelegenheiten offen zu sprechen – auch mit den älteren Generationen. Ich rate dazu, sich ein Herz zu fassen und ein sachliches Gespräch zu suchen. Lasst uns etwas dafür tun, dass sich zu den bekannten Ungerechtigkeiten der Lohnlücke, Rentenlücke und Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen nicht zusätzlich Erbschaften und Schenkungen gesellen.

 

Diesen Artikel jetzt teilen!

von

Meine Liebe zu Mode und Kommunikation hat mich zu Ana Alcazar gebracht – als Texterin & Konzepterin in der klassischen Werbung groß geworden, schreibe ich seit fast 10 Jahren für unser Münchner Designerlabel. Im Redaktionsteam bin ich für alle Corporate-Themen zuständig, außerdem befasse ich mich hier mit aktuellen Trends & meinem Herzensthema Gleichberechtigung,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert